Kapitel 12 – Auf meine Weise
„Hast Du mal einen falschen Weg eingeschlagen? Vielleicht hast Du Dinge entdeckt, die Du sonst nie gefunden hättest? War der Weg dann überhaupt so falsch?“
(Unbekannt)
Die gemeinsame Zeit mit meinen Kindern war vorüber. Bislang war alles durchgetaktet und geplant gewesen.
Doch jetzt ging es richtig los. 6 Wochen Auszeit lagen vor mir.
Ich wollte nach Italien, aber es gab keinen Plan. Denn es ging mir bei dieser Reise weniger darum, Italien zu erkunden, als vielmehr heraus zu finden, wie denn mein neuer Lebensabschnitt aussehen könnte. Ich hoffte auf eine glorreiche Eingebung oder zumindest hilfreiche Inspirationen. Daher wollte ich Italien einfach auf mich wirken lassen: Die Menschen, die Natur und auch das dolce vita.
Derweil war ich noch im Allgäu. Ich war auf einem Seminar gewesen und hatte ein paar Freunde besucht.
Meine Reise nach Italien rückte näher.
Und damit auch die Alpen. Ich sah sie bereits vor mir. Sie flößten mir gehörigen Respekt ein und erschienen mir unüberwindbar.
Ich wusste, dass man mit einem PKW über die Alpen fahren konnte. Aber konnte man auch mit einem Campingbus über die Alpen fahren? Sicherlich nicht. Ich stellte mir sehr schmale, schlecht befahrbare Straßen vor, mit der Bergwand auf der einen Seite und dem ungesicherten Abgrund auf der anderen Seite.
Ich fragte mich: Wenn ich nicht ÜBER die Alpen fahren konnte, wie kam ich denn dann nach Italien?
Und wieso wusste ich das nicht? Sollte man sowas nicht wissen? Bestimmt.
Stattdessen hatte ich nur Bruchstück-Wissen: Brenner, San Bernadino, Pickeln, Vignaitte und doch konnte ich die Begriffe einander nicht zuordnen.
Inzwischen hatte ich mich auch für einen Ort am Garda d`Iseo als Reiseziel entschieden. Doch als ich diesen Ort in mein Navi eingab, schlug dieses mir eine ganz andere Reiseroute vor.
Alle diese einzelnen Bruchstücke ergaben für mich absolut keinen Sinn.
Ich kann es mir im Nachhinein nur so erklären, dass ich vor Ehrfurcht, Angst und Unwissenheit völlig überfordert war. In meinem Kopf war ein Gesummse aus Gedankenknäulen und darin fand kein klarer Gedanke Platz.
Um mich selbst und meine Reise nach Italien dennoch irgendwie zu realisieren, fragte ich einen Freund, der schon öfter in Italien gewesen war. Er sagte: „Du fährst am Besten über den Brenner. Du willst ja so schnell wie möglich nach Italien.“
Vermutlich hatte er Recht und ich sollte so schnell wie möglich nach Italien fahren wollen. Der Brenner also.
Doch irgendwie bekam ich es immer noch nicht ganz klar. Wie und wo musste ich denn für den Brenner bezahlen. Vor Ort oder brauche ich eine Vignaitte oder ein Pickerl? In meinem Kopf herrschte nach wie vor grenzenloses Chaos.
Daher fragte ich meinen Ex-Mann, der beruflich viel unterwegs gewesen ist, wie ich denn bitteschön nach Italien fahren könne und wie das mit dem Bezahlen sei.
Seine Antwort war: „Du fährst am Besten über den Brenner. Du willst mit Deinem Bus ganz sicher nicht über die Passstraßen fahren.“
Auch das leuchtete mir ein. Nee, ich wollte ganz bestimmt nicht diese schmalen, schlecht befahrbaren Passstraßen fahren, wenn sich neben mir die tiefsten Abgründen auftaten!
Und das Pickerl, dass ich dafür benötigte, würde ich in einer Tankstelle bekommen. Na also. Das war doch mal ein konkreter Plan. Es konnte losgehen. Tschakka!
Ich fand mich auf einem Supermarkt-Parkplatz wieder, um noch ein paar Einkäufe zu erledigen. Direkt daneben war eine Tankstelle, um das Pickerl zu besorgen.
Puh, ich war angespannt. Ich sah die Alpen sehr nah vor mir und sie schüchterten mich mächtig ein. So riesengroß. So massiv. So scheinbar unüberwindbar.
Normalerweise wirken Probleme wie Berge. Diesmal war der Berg bzw. das Gebirge tatsächlich und wortwörtlich mein Problem.
Wie sollte ich nur den Weg zu diesem Brenner finden. Wie sollte ich nur über diese Alpen nach Italien kommen? Ich konnte es mir überhaupt nicht vorstellen. Trotz der ganzen Tipps.
Ich wollte es so machen, wie die anderen es mir gesagt hatten, aber die Route, die mein Navi mir anzeigte, war nun mal nicht kompatibel mit den Tipps der Anderen.
Und es waren leider nicht „die Anderen“ die bei mir sein würden während ich über die Alpen fuhr, sondern mein Navi.
Deshalb wollte ich diese beiden unterschiedlichen Angaben auch unbedingt in Einklang bringen. Ich suchte im Internet und versuchte auf der Karte mir irgendeinen Reim auf dieses ganze Chaos zu machen. Vergeblich. Es wurde alles nur noch schlimmer.
Als es dann an der Tankstelle keine Pickerl gab, war ich der Verzweiflung nahe. Was sollte ich denn jetzt machen? Ich brauchte doch so ein Pickerl für diesen Brenner.
Ich war völlig verwirrt und durcheinander. Dabei taten alle Anderen so, als sei es ganz einfach. War es vermutlich auch – aber in dieser Situation leider nicht für mich!
Und das machte es auch nicht leichter, denn so fühlte ich mich einfach nur zu blöd dazu. Ich krieg das nicht hin. Alle anderen schon.
Wobei ich anmerken möchte, dass „alle Anderen“ in meinen damaligen Gedanken die ganze Welt einschloss, in der Realität hingegen 2 Männer umfasste, die schon mehrfach über die Alpen gefahren waren. Wie absurd die Gedanken und Verallgemeinerungen doch manchmal sind. Wie sehr sie mich in diesem Moment dazu gebracht haben, mich klein und unfähig zu fühlen.
Ich war kurz davor die Auszeit sausen zu lassen. Diese Situation zeigte es ja deutlich: Ich konnte es halt nicht. Vielleicht war es auch nicht für mich bestimmt, diese Auszeit zu machen.
In dem Moment, wollte ich einfach nur nach Hause!
Ich stand immer noch auf dem Supermarkt-Parkplatz und beobachtete die Menschen, die dort ein und ausgingen. Ich beneidete die Menschen, die aus dem Supermarkt zu ihren Auto liefen und mit ihren Einkäufen nach Hause fuhren. Diese Menschen wussten im Gegensatz zu mir, wo sie hingehörten und wo ihr Zuhause ist.
Dieser Moment auf dem Supermarkt-Parkplatz war ein besonderer Moment für mich und ich werde ihn in seiner Intensität wohl nie vergessen. Es war der Moment, an dem ich meine Auszeit fast aufgegeben hätte, noch bevor ich sie wirklich begonnen hätte.
Es war meiner bewussten und radikalen Entscheidung zu verdanken, dass ich nicht aufgeben konnte – einfach, weil es kein Zurück gab.
Alles was Sicherheit suggerierte oder mich definiert hatte, war weg: mein Zuhause, meine Rolle als Ehefrau, mein Job und sogar meine Rolle als Mutter, die ihre Kinder zu Hause versorgte.
Zwar wollte ich nach Hause, aber es gab kein Zuhause mehr.
Diese kompromisslose Konsequenz meiner Entscheidung aushalten zu müssen war schmerzhaft. Und doch führt sie genau dahin, wo ich hin wollte: nach Vorne!
Ich versuchte mich zu beruhigen und zu ressourcieren. Ganz leise hörte ich immer wieder eine Stimme in mir: „Bleib bei Dir. Verliere Dich nicht wegen der Anderen. Mach es auf Deine Weise“
Gleichzeitig war es so, als würde ich an die Hand genommen werden. Ganz liebevoll. Ich soll und darf weiterfahren.
Diese Stimme hatte gut reden. „Mach es auf Deine Weise.“ Wie denn, wenn ich nicht mal wusste, was „meine Weise“ ist?
Was ich wusste, war, dass ich immer noch auf diesem Supermarkt-Parkplatz stand. Und ich wusste, dass ich irgendwie aus diesem chaotischen Gedankenkreisen ausbrechen musste. Es brachte mich nicht weiter und machte mich schier wahnsinnig.
Also brach ich aus – wortwörtlich sozusagen.
Ich dachte nicht nach. Stattdessen gab ich einfach meinen Zielort ins Navi ein, startete den Motor und fuhr los. Vermutlich würde ich an irgendeiner Stelle umkehren müssen, weil die Straßen zu schmal für meinen Bus waren oder ich irgendein Ticket hätte kaufen müssen. Das war mir egal. Dann würde ich halt wieder umdrehen. Alles war besser als weiter hier auf diesem Parkplatz zu stehen und in meinem Gedankenchaos durchzudrehen.
Ich hatte keinen Plan von der zu fahrenden Strecke. Ich hatte es aufgegeben, verstehen zu wollen, wie ich an mein Ziel komme. Ich hatte es aufgegeben, verstehen zu wollen, warum die Tipps der Anderen nicht mit der Reiseroute meines Navi übereinstimmten.
Einfach loszufahren und nicht viel nachdenken, fühlte sich hingegen gut an.
Vielleicht war das ja „meine Weise“: Einfach losfahren und schauen wie weit ich komme.
On the road
Wir waren „on the road“. Ich war aufgeregt. Es war ganz schön steil, doch letztendlich kein Problem für meinen Mr. Shape. Ein tolles Fahrzeug! 🙂
Nachdem wir eine Weile gefahren sind, war ich sehr überrascht, wie gut die Straßen ausgebaut waren. Aber das könnte sich ja noch ändern. Darüber hinaus war es auch eine ziemliche Kurverei. Quasi die Aufbau-Fahrstunde nach dem Odilienberg.
Abends erreichte ich einen Stellplatz in einer kleinen Ortschaft in Österreich. Ich war immer noch mitten in den Alpen. Doch siehe da, so pioniermäßig unbewohnt wie ich es mir vorgestellt hatte, war es gar nicht und die Straßen waren immer noch überraschend gut ausgebaut.
Als ich im Bett lag, war ich einfach nur froh. Froh darüber, dass ich es tatsächlich geschafft hatte, mein seltsames inneres Chaos zu überwinden und von diesem Supermarkt-Parkplatz los zu kommen.
Die Bergwelt wartet
Am nächsten Morgen fuhr ich schon früh los. Es lagen laut Navi noch über 4 Stunden Fahrtzeit vor mir und mit meinem Bus würde ich sicherlich nochmal deutlich länger brauchen.
Nach dem Durcheinander am Vortag hatte ich es vermieden, nachvollziehen zu wollen wo ich hergefahren bin. Auch habe ich es unterlassen verstehen zu wollen, wie ich weiter zum Garda d´Iseo kommen würde. Ich würde mich einfach mal auf mein Navi verlassen. Und letztendlich war es ja auch echt egal, wo ich hinfuhr. In Italien wartete nichts und niemand auf mich.
Selbst wenn ich irgendwann in Dänemark rausgekommen wäre… so what? 😉
Ich hatte alles was ich brauchte bei mir. Diese Erkenntnis gab mir Sicherheit.
Im Grunde genommen konnte ich doch entspannen und mich an der beeindruckenden Bergwelt erfreuen. Das tat ich auch. Die allermeiste Zeit.
Doch als ich dann plötzlich in die Schweiz einreiste, war ich schon sehr irritiert. Schließlich war ich immer noch irgendwie auf der Suche nach diesem ominösen Brenner. Und der war nun mal, zumindest DAS wusste ich, in Österreich!
Es beunruhigte mich in dem Moment, so gar keinen Plan zu haben. Aber vor allem mischte sich Ärger in diese Besorgnis und Scham. Warum konnte ich denn nicht „wie jeder andere normale Mensch“ wissen, wo ich herfuhr? Nerv.
Glücklicherweise war die Bergwelt einfach phänomenal anzuschauen und so machte sich ein anderer Teil in mir bemerkbar. Der Anteil, der Abenteuer liebt und der es absolut spannend fand, nicht zu wissen, wo ich gerade herfuhr. Da waren dann Gedanken wie:
„Oh, jetzt fahre ich den Reschenpass. Wie wunderschön es hier ist.“
„Oh, ich bin jetzt in der Schweiz… wie spannend.“
„Oh, auf diesem Parkplatz wird darum gebeten, die Mülleimer sorgfältig zu schließen, wegen der Bären. Bären?! Wieso gibt es hier Bären? Faszinierend.“
„Oh, hier spricht man jetzt italienisch. Krass.“
Ich empfand es tatsächlich als großes Geschenk, so offen staunend alles betrachten zu dürfen und mich überraschen lassen zu dürfen von der Welt und vom Leben.
Keine Pläne, die vorgefertigte Gedanken oder Erwartungen schürten, die den Blick nur einschränkten oder das Faszinierende zu einem vermeintlich Selbstverständlichen werden lassen konnten.
Ich bin mir sicher, dass mich die Grenzübergänge und der Reschenpass als solches deutlich weniger ins Staunen versetzt hätten, wenn ich vorher gewusst hätte, wo ich herfahren würde. 😉

Ich genoss den Anblick der beeindruckenden Berge!
Alles war einfach nur phänomenal schön und aufregend. Ich war so begeistert und freute mich des Lebens!
Wie gut, dass ich es auf meine Weise gemacht hatte und einfach losgefahren bin! Wie gut, dass ich dadurch eines Besseren belehrt wurde, was meine eigenen falschen Vorstellungen über den Zustand der Passstraßen anging. Wie gut, dass ich dadurch meine eigenen Prioritäten kennenlernen durfte, die in diesem Fall von den gut gemeinten Tipps meiner Ratgeber abwichen. Denn ICH hatte Zeit. Und ich WOLLTE die Passstraßen fahren! 🙂
Was hatte ich auf dem Supermarkt-Parkplatz für eine Eingebung gehabt?
„Bleib bei Dir. Verliere Dich nicht wegen der Anderen. Mach es auf Deine Weise“
Ja, besser könnte ich die Erkenntnis aus dieser Erfahrung wohl nicht in Worte fassen.
Welcome to Italy!
Nach großem Staunen und Natur bewundern kam ich in Italien an.
Es war einer dieser besonderen Momente, in denen ich einfach nur glücklich war, denn ich hatte es geschafft! Ich war mehr als beeindruckt von mir selbst.
Ich sah in meinem Rückspiegel die Alpen hinter mir liegen und fühlte mich wie eine Pionierin!
Wie schwer war der Beginn dieser Alpentour für mich gewesen. Wieviel Ehrfurcht hatten die Alpen in ihrer Größe und Erhabenheit in mir ausgelöst, als sie noch vor mir lagen. Wie unüberwindbar sie mir doch erschienen waren…
Und nun lagen die Alpen hinter mir. Ich fühlte mich großartig und war so glücklich und stolz auf mich!
Ich hatte die Alpen überquert.
Ich hatte es geschafft – auf meine Weise!