Kapitel 11 – Pferdehof
„Alles in Deinem Leben macht Sinn! Auch wenn Du den Sinn jetzt noch nicht verstehst. Vertrau mir.
Dein Leben.“
(Unbekannt)
Wir verbrachten noch einige wirklich schöne Tage in Frankreich bis es dann an der Zeit war, wieder zurück nach Deutschland zu fahren.
Mir graute vor der Rückfahrt. Die Aussicht in den nächsten Tagen bei knallender Sonne und hohen Temperaturen über 1000 km fahren zu müssen, entlockte mir nur ein müdes und leicht ironisches: „yeah“.
Es würde anstrengend werden. Mal wieder.
Aber machbar. Wie immer.
Unser nächstes Ziel war ein Pferdehof in Deutschland. Diesen hatte ich schon vor einer Weile gebucht, da ich mit meinen Kindern nach den Tagen im Bus noch etwas Zeit in einem „normalen Haus“ verbringen wollte.
Ich freute mich auf ein schönes großes Bett und eine lange Dusche. Ich freute mich darauf, nicht mehr fahren zu müssen, mir keine Gedanken um einen Schlafplatz zu machen und auch weniger Entscheidungen treffen zu müssen.
Meine Kinder würden vermutlich viel Zeit mit den Pferden verbringen und hoffentlich auch ein paar andere nette Kinder kennenlernen. Das würde mein kleiner Urlaub im Urlaub werden. Und trotzdem wären wir beisammen. Darauf freute ich mich.
Parkplatzsuche
Endlich kamen wir an. Es gab einen kleinen Grünstreifen, auf dem bereits einige PKWs parkten. Dieser Wiesenuntergrund erschien mir allerdings etwas zu matschig, als dass ich darauf hätte parken wollen.
Das Abenteuer mit meinem Mr. Shape und wie er im Sand stecken geblieben war, war noch so frisch, dass ich seither noch mehr darauf achtete, auf seeeehr stabilen Untergründen zu stehen.
Also fuhr ich auf einem asphaltierten Platz in der Nähe und war mit meiner Wahl durchaus zufrieden. Der Besitzer des Pferdehofs allerdings weniger und so wies er mich sehr freundlich an, doch bitte auf dem Grünstreifen zu parken. Meinem Einwand, dass mein Bus dort einsinken könnte, maß er wenig Bedeutung zu.
Ich war zwar immer noch skeptisch, aber nachdem der Besitzer insistierte und ich herausgefunden hatte, dass es auf diesem Hof einen Traktor gab, fuhr ich eben auf den letzten freien Platz dieses Grünstreifens.
Pferdehof-Urlaub
Wir hatten ein paar schöne Tage auf diesem Pferdehof. Meine Kinder waren bald sehr beschäftigt damit, mit den anderen Kindern zu spielen oder dem Besitzer mit den Pferden zu helfen.
Es war ein familiär gehaltener Hof, bei dem auch der Kontakt unter den einzelnen Gast-Familien durch unterschiedliche Angebote gefördert wurde. An einem Abend gab es ein Lagerfeuer mit Grillen und Stockbrot. Viele Familien nutzten dieses schöne Angebot und so tummelten sich sicherlich 20 Erwachsene ums Feuer.
Alles war sehr liebevoll von der Hofbesitzer-Familie vorbereitet worden und die Stimmung war entspannt und gut.
Während meine Kinder mit den anderen Kindern unterwegs waren, kam ich ins Gespräch mit einer alleinerziehenden Mutter und deren Schwester.
Wir verstanden uns auf Anhieb und erzählten über dies und jenes. Irgendwann redeten wir auch über das Thema Scheidung und welche Auswirkung die Scheidung der Eltern auf das Leben der Kinder haben kann.
Scheidung und das schlechte Gewissen
Zu diesem Zeitpunkt hatte ich noch ein sehr schlechtes Gewissen, weil unsere Familie auseinander gebrochen war und meine Kinder nun „Scheidungskinder“ waren.
Interessanterweise gab es im Umfeld meiner Kinder – sowohl in deren Freundeskreis als auch in deren Schulklassen – fast keine andere Scheidungsfamilie.
Wenn ich meinen Kindern erzählte, dass mittlerweile die Hälfte aller Familien geschieden wurden, konnten sie das natürlich nicht ganz nachvollziehen. Für sie musste es so aussehen, als ob alle anderen eine Heile-Welt-Familie hätten, in der die Kinder mit Mama und Papa zusammen lebten – nur bei uns war es anders.
Und dass es bei uns sogar anders war, als in den meisten Scheidungsfamilien, ahnten sie vermutlich noch weniger.
Wie gerne hätte ich meinen Kindern auch so eine „normale“ Kindheit in einer glücklichen und harmonischen Familie geschenkt. So wie es doch sein sollte. So wie es doch in Filmen und in der Gesellschaft als „normal“ propagiert wird.
Kinder aus glücklichen Familien hatten es sicherlich leichter, weil sie ein starkes familiäres Fundament hatten, auf das sie ihr Selbstbewusstsein und ihr persönliches Glück aufbauen können. So hatte ich es mir immer vorgestellt. DAS hätte ich mir für meine Kinder gewünscht.
Stattdessen glaubte ich, dass wir unseren Kindern diese vermeintlich unbeschwerte Zukunft durch unsere Scheidung verbaut hätten. Es war als hätte ich meinen Blick in einen Sumpf aus Schuldgefühlen versenkt. Ich malte mir aus, welchen schlimmen Einfluss unsere Scheidung auf die Zukunft unserer Kinder haben würde. Welche Belastungen würden sie mit in ihr Leben nehmen? Inwieweit beeinflusste unsere Scheidung ihre zukünftigen Liebesbeziehungen? Würden sie glücklich werden können?
Blickwinkel-Änderung
In diese schlimmen Gewissensbisse hinein, erreichten mich die folgenden Worte und Gedanken aus dem Gespräch mit der alleinerziehenden Mutter und deren Schwester:
„Jeder hat in der Kindheit ein Päckchen zu tragen. Egal ob die Eltern sich trennen. Oder ob die Eltern zusammenleben, sich aber nur noch streiten. Oder ob die Eltern unglücklich schweigend nebeneinander her leben.“
Genauso kann ein Kind aus einer „perfekten“ Familie sein Päckchen zu tragen haben, weil es sich mit dem „Perfekten“ seiner Eltern vergleicht und einen Druck spürt, es genauso „perfekt“ machen zu müssen.
Jedes Kind kann auf seine Weise leiden und bekommt in der Kindheit sein Päckchen mit – egal welches.
Dieser Standpunkt leuchtete mir ein und hat mich irgendwie entspannt. Es war, als hätte ich meinen Blick aus dem Sumpf der Schuldgefühle emporheben können und einen etwas realistischeren Blick auf die Scheidungs-Situation werfen können. Denn mir wurde nach diesem Gespräch bewusst, dass es die perfekte Kindheit nicht gibt. Genauso wie es das perfekte Erwachsenenleben nicht gibt.
Das Leben ist kein statischer, glücklicher Zustand.
Ich musste mich doch nur umschauen oder mich selbst betrachten, um zu sehen, dass jeder mit den unterschiedlichsten Themen aus der Kindheit heraus geht. Ich kenne keinen Menschen, der nicht das ein oder andere Problem, dass er in seinem Erwachsenenalter hat, auf seine Kindheit zurückführt.
Da mir diese Schlussfolgerung bekannt und bewusst war, hatte ich natürlich automatisch den Wunsch gehabt, meinen Kindern die perfekte Kindheit zu schenken. Harmonisch, liebevoll, stärkend, so dass sie später zu selbstbewussten, glücklichen Erwachsenen heranwachsen.
Ich hatte geschlussfolgert, dass ich als Mutter perfekt sein müsse und für die perfekte Umgebung zu sorgen hatte. Ich bin davon ausgegangen, dass ich alles Negative von meinen Kindern fern halten müsse, damit sie später weniger Themen, Verletzungen oder Traumata aufarbeiten müssen. Ich wollte, dass ihre Kindheit nicht die Ursache für ihre Probleme in ihrem Erwachsenenleben ist.
Wieder so eine Goliath-Aufgabe, die ich mir gestellt hatte. Unrealistisch und absolut nicht erfüllbar.
Und wie vermessen. Als würde ich wissen, was meinen Kindern dienlich ist.
Denn vielleicht sind es genau diese schwierigen Situationen der Kindheit, die die Kinder ganz individuell wachsen lassen und sie für ihre zukünftigen Herausforderungen im Leben stärken.
Wer sagt denn, dass die Kinder daran zerbrechen müssen?
Vertrauen
Natürlich fände ich es immer noch schöner, wenn meine Kinder in einer „heilen Familie“ aufgewachsen wären. Aber seit diesem Abend wurde es, was das Thema Scheidung und meine Gewissensbisse anging, etwas leichter für mich.
Es war der erste Schritt in Richtung Vertrauen. Vertrauen darauf, dass das Leben gut für meine Kinder sorgen wird. Vertrauen darauf, dass das alles schon so in Ordnung ist – selbst wenn es mir persönlich nicht gefällt. Selbst, wenn ich es nicht verstehe. Und selbst, wenn ich es mir grundlegend anders wünschen würde.
Denn was weiß ich schon über den göttlichen Plan und wie sich alles ineinander fügen wird. Gar nichts.
Stattdessen stelle ich aber im bisherigen Rückblick auf mein Leben fest, dass mir ALLES dienlich war und das ALLES irgendwie notwendig war, so dass ich den nächsten Schritt gehen konnte.
Und mit ALLES meine ich nicht nur das Gute, sondern tatsächlich vor allem die Schwierigkeiten, Probleme und Herausforderungen. Diese haben mich weit mehr wachsen lassen als alles andere und in gewisser Weise bin ich rückblickend sogar dankbar dafür.
Mr. Shape dreht durch
Es würde nicht mehr lange dauern und die Zeit auf dem Pferdehof würde vorbei sein. Nachdem wir die ganzen letzten Tage auf dem Hof verbracht hatten, brauchten wir ein paar Sachen aus dem Supermarkt. Außerdem wollte ich mit meinen Kindern zur Abwechslung mal in ein nahegelegenes Freibad fahren.
Mein Mr. Shape stand immer noch auf dem Wiesenstreifen und ich hatte ihn während der letzten Tage skeptisch beäugt. Noch dazu, weil es zwischendurch immer mal wieder geregnet hatte.
Daher wollte ich testen, ob mein Bus feststeckte oder nicht und beschloss, vormittags zum Einkaufen zu fahren, um dann nachmittags mit meinen Kindern entspannt zum Freibad fahren zu können.
Ich hatte meinen Einkaufszettel und meine Taschen dabei und war bereit fürs Einkaufen. „Das würde schon klappen mit meinem Mr. Shape und der Wiese“ redete ich mir gut zu. Dennoch fuhr ich meinen Bus sehr bewusst und sehr vorsichtig von der Wiese. Zumindest versuchte ich das.
Aber was soll ich sagen? Die Reifen fanden in dem matschigen Untergrund keinen Halt und drehten durch. Trallala!
Wir steckten fest und mein Mr. Shape bewegte sich keinen cm vorwärts. Tja, wer hätte das gedacht?!?
Anscheinend entwickelte ich so langsam eine gewisse Routine darin, irgendwo festzustecken und nicht aus eigener Kraft irgendwohin fahren zu können. Denn ich war sehr relaxed – sicherlich auch deshalb, weil ich wusste, dass der Besitzer einen Traktor hatte, der meinen Bus rausziehen würde.
Die Abschleppöse
Ich hatte gedacht, dass das Rausziehen ein Klacks werden würde. Schließlich fühlte ich mich schon wie ein Profi nach dem erst kürzlich erlebten Sand-Desaster mit meinem Mr. Shape.
Doch das war ein Trugschluss.
Denn diesmal war hinten zu wenig Platz für den Traktor und deshalb musste mein Bus von Vorne abgeschleppt werden und das funktionierte leider anders. Denn dafür benötigte man eine „Abschleppöse“. Man lernt echt nie aus.
Von einer Abschleppöse hatte ich nämlich noch nie gehört. Selbstverständlich hatte ich entsprechend keinerlei Ahnung, wie so ein Teil aussieht oder wo sich so etwas in meinem Fahrzeug verstecken könnte.
Der Vorbesitzer von meinem Bus hatte mir beim Verkauf alles ganz genau und sehr ausführlich erklärt.
Allein die Funktionsweisen von meinem Bus, die Kontrolllampen, der Frostschutzwächter, die Heizung, warmes Wasser, Bett-Aufbau und Bett-Abbau, Fahrersitze umdrehen, u.v.m. war extrem viel gewesen. Schließlich war ja alles neu für mich.
Bei den technischen Details ließ dann ehrlicherweise meine Konzentration etwas nach und als es um Werkzeug, Sicherungen und ähnliches ging, war ich der Meinung, dass ich dieses Wissen in der kurzen Zeit ohnehin nicht brauchen würde.
Weit gefehlt! Und wenn ich das damals geahnt hätte, hätte ich wohl besser aufgepasst.
Unterdessen beschrieb mir der Besitzer des Pferdehofes, wie so eine Abschleppöse auszusehen hatte und ich suchte überall in meinem Bus. Aber ich wurde nicht fündig.
Dummerweise konnte mein Bus ohne diese ominöse Abschleppöse aber auch nicht rausgezogen werden. Blöd aber auch!
Während meine Kinder in der Gruppen-Reitstunde ihren Spaß hatten, telefonierte ich mit nahe gelegenen Werkstätten, ob diese eine Abschleppöse für meinen Fiat Ducato hatten. Denn es stellte sich heraus, dass Abschleppöse nicht gleich Abschleppöse ist. Vielmehr gibt es individuelle Abschleppösen für den jeweiligen Fahrzeugtyp. Jaja – und schon wieder was gelernt!
Zwar hatte ich irgendwann eine Werkstatt mit einer passenden Abschleppöse gefunden, doch musste diese dann noch von der Werkstatt zum Pferdehof gebracht werden. Das war am Ende das große Problem.
Glückliche Rettung
Bevor ich weiter überlegte, wie ich diese Abschleppöse von der Werkstatt zu mir organisiert bekam, folgte ich einem Impuls und rief den Vorbesitzer meines Fahrzeugs an.
Ein äußerst hilfsbereiter und freundlicher Mensch, der in diesem Moment meine glückliche Rettung war.
Er erinnerte mich an ein unauffälliges Fach in meinem Bus und war der Meinung, dass dort die Abschleppöse zu finden sei.
Voller Hoffnung schaute ich nach und siehe da, dort befand sich diese tolle Abschleppöse.
Ich war begeistert, denn es erleichterte die Situation ungemein!
So kam es, dass mein Mr. Shape wenig später mit Hilfe des Traktors (und der tollen Abschleppöse!!!) befreit wurde.

Wieder einmal war es ein erhebendes Gefühl, eine Herausforderung gemeistert zu haben!
Und gleichzeitig gab es mir auch ein gutes Gefühl, meinen Mr. Shape dadurch noch ein bisschen besser kennen gelernt zu haben. Egal wo wir noch steckenbleiben würden, jetzt wüsste ich wirklich Bescheid! YES!
Wenig später konnte ich mit meinen Kindern wie geplant ins Freibad fahren. Die Einkäufe würden wir dann eben auf dem Rückweg erledigen.
Alles anders als geplant, aber dennoch geschafft.
Wie heißt es so schön: Ende gut – alles gut!
One Comment
Martina
Diese Erfahrung durfte ich in Bosnien auch machen, alles in allem viel schlimmer, aber das schöne daran ist, dass ich immer mehr Vertrauen in m Fähigkeiten und in andere Menschen entwickel.