Kapitel 8 – Feuertaufe
„Verzeih Dir selbst. Du musstest all die Fehler machen, um zu lernen und um die Person zu werden die Du heute bist.“
(Unbekannt)
Es gibt Menschen, die ihren Campingbus mit viel Engagement und großer Begeisterung selbst ausbauen.
Zu diesen Menschen gehöre ich nicht. Ehrlich gesagt habe ich tatsächlich nur wenig Interesse an Fahrzeugen, Technik und vor allem Reparaturen.
Eine Auszeit mit einem Campingbus zu planen, war daher schon mit einer gewissen Unsicherheit verbunden, weil ich eben wusste, dass ich aufgeschmissen sein würde, sobald etwas kaputt ginge. Aber ich hatte zum Zeitpunkt der Kaufentscheidung ja nur eine Auszeit von 3 Monaten geplant. Was sollte in dieser kurzen Zeit schon groß passieren? Und um Problemen oder Reparaturen in diesem Bereich noch weiter vorzubeugen, würde ich mir einfach ein „gutes und sicheres Fahrzeug“ kaufen.
Mein Mr. Shape machte auf mich diesen Eindruck. Er war erst 4 Jahre alt und schien nicht nur gut auszusehen 😉 , sondern darüber hinaus auch noch richtig fit zu sein.
Befürchtung
Allerdings war mir auch bewusst, dass selbst das beste und sicherste Fahrzeug nicht gegen eine Reifenpanne gefeit ist. Meine größte Befürchtung war daher, dass ich einmal auf einer einsamen Straße eine Reifenpanne haben würde.
Das Schlimmste daran wäre für mich gewesen, dass ich nicht aus eigenem Antrieb eine Werkstatt hätte aufsuchen können. Stattdessen hätte ich auf Hilfe warten müssen, nicht wissend, ob oder wann diese Hilfe kommt. Getoppt wurde diese Befürchtung nur noch durch die Vorstellung, dass eine derartige Panne erfolgen würde, während meine Kinder mit mir reisten.
Meistens ist der Alltag angefüllt mit Aufgaben und Ablenkungen, so dass Ängste wie ein böser Traum in den Hintergrund gedrängt werden. So war es auch mit der Befürchtung eine Reifenpanne zu haben.
Das Universum scheint sich meine Befürchtungen aber zu merken und konfrontiert mich gerne zu gegebener Zeit mit Situationen, in denen ich mich dann meinen Ängsten stellen darf.
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass das Leben immer FÜR mich ist. Meine Erfahrung hat mir gezeigt, dass insbesondere die schwierigen Momente im Nachhinein besonders wertvolle Geschenke in sich trugen.
Dennoch finde ich solche Konfrontationen nicht besonders witzig. So auch diesmal nicht…
Remember?
Du erinnerst Dich noch an den Abendspaziergang, den wundervollen Sonnenuntergang am Meer und an „ab jetzt wird alles gut“?
Seelisch gestärkt und mit Glücksgefühlen aufgetankt, gingen wir an jenem Abend wieder zurück zum Bus. Es war schon spät und so machten wir uns für´s Schlafengehen fertig.
Damit wir alle Platz zum Schlafen hatten, musste ich jeden Abend ein Bett über der Fahrerkabine herunterziehen.

Um das Hubbett nach unten ziehen zu können, mussten die Fahrersitze nach außen gedreht werden. Anschließend wurde das Bett nur noch heruntergezogen und schon hatten wir ein zusätzliches bequemes 1,40m breites Doppelbett, welches den ganzen Bereich von Fahrersitzen, Esstisch und Kochplatte ausfüllte.

Am nächsten Morgen wurde das Bett dann wieder nach oben geschoben und fertig.
Die letzten Tage hatten wir es so praktiziert und wir entwickelten bereits eine gewisse Routine darin, das Bett runter und wieder hoch zu schieben.
An diesem nächsten Morgen war es allerdings anders. Denn an diesem Morgen blockierte etwas und das Bett ließ sich partout nicht mehr hochschieben. Egal was ich auch probierte, es rührte sich keinen Millimeter.
Puh.
Innerlich war ich kurz vorm Durchdrehen. Meine große Befürchtung schien gerade Realität zu werden. Zwar war es keine Reifenpanne, aber dadurch, dass das Bett unten auf der Höhe des Esstisches war, konnte ich nicht ans Lenkrad und dementsprechend auch nicht in eine Werkstatt fahren, um mir dort helfen zu lassen. Wir steckten fest.

Ich versuchte ruhig zu bleiben.
Ich dachte, ich müsste Ruhe ausstrahlen, damit meine Kinder nicht merkten, wie überfordert ich mit dieser Situation war und auch, damit sie nicht in die gleiche Panik verfielen, die sich gerade in mir auszubreiten drohte.
Wir standen auf irgendeinem Grünstreifen, steckten fest und ich hatte keine Ahnung, was ich nun tun sollte.
In mir tobte ein Sturm an Emotionen und draußen schien die Sonne.
Es war ein Samstag und viele Franzosen nutzen diesen Parkplatz offenbar, um an diesem sonnigen Tag zum nahegelegenen Strand zu gehen. Das war ja eigentlich auch mein Plan für den Tag gewesen.
Ein paar Meter entfernt sah ich einen Papa, der mit seinen Kindern gerade dabei war, die Sachen für den Strand aus dem Auto auszuladen.
Da ich nicht wusste, was ich anderes tun sollte, sprach ich diesen Franzosen an.
Es kam mir zugute, dass ich vor vielen Jahren ein Jahr als Au Pair in Frankreich gelebt hatte. Zwar waren meine Französisch-Kenntnisse inzwischen eingerostet, aber um mich verständlich zu machen, reichte es allemal.
Ich schilderte dem Franzosen meine Situation und er war gleich bereit, sich das Problem einmal anzuschauen. Wir gingen zusammen in meinen Bus und ich erklärte ihm, wie es normalerweise mit dem Hochschieben des Bettes funktionierte und dass das Bett sich nun aber nicht mehr hochschieben ließ. Der freundliche Mann hörte sich alles aufmerksam an und probierte dann selbst sein Glück. Aber egal was er auch probierte, auch bei ihm bewegte sich das Bett keinen Millimeter nach oben. Er wusste auch nicht weiter.
Was nun?
Wir suchten gemeinsam im Internet nach einer Werkstatt, die auch am Samstag geöffnet hatte.
Da ich nicht hinfahren konnte, war klar, dass jemand zu mir kommen musste, um die Reparatur vorzunehmen.
Wie gesagt ist mein Französisch gut und ich kann mich verständlich machen, selbst mit technischen Problemen, wenn die Person mir gegenüber steht.
Doch wie sollte ich am Telefon einem Menschen dieses Bettproblem erklären? Ich wusste ja noch nicht einmal, wie ich ihm hätte erklären können auf welchem Parkplatz wir standen.
Ich äußerte diese Bedenken und der freundliche Franzose erklärte sich bereit, für mich bei dieser Werkstatt anzurufen. Was für eine Erleichterung!
Er konnte der Werkstatt die Situation deutlich besser erklären als ich es je vermocht hätte. Darüber hinaus konnte er dem Werkstatt-Mitarbeiter glücklicherweise sogar genau erklären, wie er zu mir finden konnte.
Ich bedankte mich sehr herzlich bei diesem hilfsbereiten Franzosen, der nun mit seinen Kindern zum Strand ging.
Derweil breitete ich die Picknickdecke auf dem Grünstreifen aus, so dass wir auf das Werkstatt-Auto warten konnten. Ich war immer noch angespannt. Kein Wunder. Schließlich war ich ja noch mittendrin in meinem Angst-Szenario: Wir steckten fest, mussten auf Hilfe warten und wussten nicht, wann sie kommt oder ob sie uns überhaupt findet.
Vermutlich fanden meine Kinder diese Situation genau so schrecklich und beunruhigend wie ich und waren kurz davor in Panik zu geraten. Vermutlich waren sie auch so enttäuscht wie ich, dass wir nicht wie geplant an den Strand gehen konnten, sondern stattdessen auf einem Grünstreifen neben irgendwelchen Bahnschienen auf einen Werkstattdienst warten mussten, der wann auch immer kommt – wenn überhaupt.
Am liebsten hätte ich mich ins Bett verkrochen.
Doch meine Vermutung, dass meine Kinder gerade Angst und Schrecken durchlebten, motivierte mich, trotz meiner Anspannung mit meinen Kindern zu spielen und für Ablenkung zu sorgen.
Die Zeit verging…
… und je mehr Zeit verging, desto weniger Entertainment fiel mir ein.
Und je mehr Zeit verging, umso ruhiger wurde ich.
Und je ruhiger ich wurde, umso mehr war ich in der Lage, die „wirkliche“ Situation zu sehen:
Tatsächlich waren meine Kinder nämlich meilenweit von einer Panikattacke entfernt. Nicht mal eine leichte Beunruhigung oder Unzufriedenheit konnte ich feststellen.
Beide schienen höchst zufrieden zu sein und lagen entspannt auf der Picknickdecke während sie mit ihrem Handy, Buch und Tablet beschäftigt waren. Für sie war die Welt offenbar in Ordnung.
Auf einmal wurde mir klar, dass diese Situation MEINE Befürchtung war. Es war MEINE Angst.
Meine Kinder hatten diese Angst gar nicht und entsprechend gechilled waren sie auch.
Plötzlich konnte ich die Ruhe spüren, die von ihnen ausging. Ich spürte das Vertrauen, dass sie in mich hatten, dass ich die Situation schon irgendwie lösen würde und ich spürte, dass sie sich bei mir sicher fühlten.
Ihre Ruhe und ihr Vertrauen übertrugen sich auf mich. Ich kuschelte mit meiner kleinen Tochter, was mein Nervensystem noch weiter beruhigte. So harrte ich der Dinge die da kommen würden. Es würde schon irgendwie gut gehen.
Rettung naht
Stunden später kam der freundliche Franzose mit seinen beiden Kindern vom Strand zurück und erkundigte sich freundlich, ob der Werkstattdienst schon da gewesen wäre. In dem Moment als ich vermeinen wollte, bog ein Werkstatt-Auto um die Ecke.
Endlich! Das Werkstatt-Auto war da! Eine große Anspannung fiel von mir ab.
Jetzt hoffte ich nur noch, dass das Problem auch gelöst werden konnte.
Ich demonstrierte und erklärte ein weiteres Mal das Problem. Der Mann von der Werkstatt hörte aufmerksam zu, schraubte dann hier und dort und nach einer Stunde ließ sich das Bett wieder ohne Probleme nach oben schieben. Hallelujah! Ich wäre dem guten Mann vor Dankbarkeit und Freude am liebsten um den Hals gefallen!
Jetzt war alles wieder gut und ich war fix und fertig mit der Welt. Es fühlte sich so an, als wäre ich gerade einen Marathon gerannt.
Meine große Befürchtung war Realität geworden. Ich habe mich ihr stellen müssen, bin hindurch gegangen und habe sie gemeistert.
Neben aller Erschöpfung, die die langandauernde Anspannung mit sich gebracht hatte, war ich vor allen Dingen stolz und glücklich, diese Herausforderung zusammen mit meinen Kindern gemeistert zu haben. Und das widerum gab mir Kraft und ein inneres Glücksgefühl.
Gute Voraussetzungen, um den restlichen Tag – wie geplant – am wunderschönen Sandstrand zu verbringen. 🙂
2 Comments
Dorothee Beck-Westphal
Super spannend, wollte eigentlich noch einkaufen, konnte aber mit dem Lesen nicht aufhören!!!!!
Karin
Grins… das freut mich zu hören! Danke!