Kapitel 7 – Wiedersehen mit meinen Kindern
„Vertrau der Weisheit des Lebens. Alles steht zu Deinem Besten!“
(Unbekannt)
In den wenigen verbleibenden Tagen bis zum Wiedersehen mit meinen Kindern, fuhr ich die Atlantikküste entlang – immer weiter Richtung Süden.
Ich sah herrliche Strände, schöne Ortschaften und war ganz begeistert. Immer wieder dachte ich, wie schön es doch wäre, wenn meine Kinder jetzt schon bei mir wären und ich ihnen diese wunderschönen Strände zeigen könnte.
Ich freute mich immer mehr auf unser Wiedersehen.
Endlich war es soweit.
Ein McDonald´s war der spektakuläre Ort unseres Wiedersehens, an dem wir alle zur verabredeten Zeit eintrafen.
Es war seltsam skuril, in einem anderen Land, an einem fremden Ort, plötzlich vertraute Gesichter zu entdecken. Und sooo schön! Was hab ich mich gefreut, meine beiden Mädels wieder zu sehen und sie in die Arme nehmen zu können.
Wir aßen alle gemeinsam zu Mittag. Es war ein schönes Essen, während dessen meine Kinder mir ganz aufgeregt alles Mögliche aus den letzen Tagen erzählten. Ich genoss es, ihre Freude zu spüren.
Nach dem Essen kam der weniger leichte Teil: Der Abschied vom Papa.
Denn so sehr sie sich auch freuten, mich wieder zu sehen, so sehr wollten sie natürlich auch, dass der Papa noch blieb.
Als der Abschied gemeistert war, saßen wir zu dritt in meinem Bus und waren auf dem Weg zur Île de Ré. Glücklicherweise nur ein kurzer Weg. Denn wie ich es vermutet hatte, flossen ein paar Tränen und der Papa wurde schon vermisst als ihm noch zugewunken wurde.
In der Vergangenheit hatte es sich als hilfreich erwiesen, in solch hoch emotionalen Momenten für Ablenkung zu sorgen. Nicht um die Emotionen „weg“ zu machen, sondern um ihnen die Intensität zu nehmen. Ein Gespräch, ein echtes Zuhören, ein echtes Trösten war oftmals erst viel später möglich, wenn die Emotionen etwas ruhiger geworden waren.
Es war nicht leicht, diesen Schmerz und die Trauer so deutlich bei meinen Kindern zu sehen, zu spüren und zu wissen, dass ich zusammen mit meinem Ex-Mann verantwortlich für diesen Schmerz war.
Nichts daran ändern zu können und ihnen nichts abnehmen zu können, machten die Sache nicht leichter.
Den Schmerz meiner Kinder da sein zu lassen, ihn zu halten und mit zu tragen, war das Einzige, das ich in diesen Momenten tun konnte. Das hatten mich die vergangenen Jahre gelehrt. Und so wenig dies auch erscheinen mag, DAS war hart genug.
Daher war ich auch für mich froh, dass Ablenkung in Sicht war: Bald würden wir an einem schönen Strand die Sonne und das Meer genießen, ein wenig kuscheln, spielen, erzählen und planschen. Das würde toll werden. Auf der Île de Ré gab es sicherlich genau so schöne Strände, wie die, die ich bislang an der Atlantikküste gesehen hatte.
Fiasko
Es dauerte auch gar nicht lange bis wir an einem im Internet so schön aussehenden Strand angekommen waren. Wir legten die Picknickdecke zurecht und bauten den Sonnenschirm auf.
Einmal umgeschaut fand ich den Strand jetzt nicht wirklich schön, aber egal. Hauptsache meine Kinder waren bei mir und wir hatten etwas Ablenkung und Spaß zusammen.
Dieser Spaß fand allerdings ein jähes Ende, als meine Tochter einen großen toten Krebs in unmittelbarer Nähe unserer Picknickdecke fand. Wenig später entdeckte meine andere Tochter einen riesigen toten Fisch, den spaßige Gesellen an einem Stock aufgespießt hatten und der bereits – halb Skelett – vor sich hinmoderte. Es sah total eklig aus.
Ich hatte gehofft, dass wir an diesem Strand gemeinsam ankommen könnten, doch uns war die Lust auf diesen Strand komplett vergangen und wir wollten alle nur noch weg.
Daher haben wir alles wieder zusammen gepackt und sind zurück zu meinem Bus gelaufen.
Einen anderen Strand anzusteuern lohnte sich nicht mehr. Daher suchten wir uns einen Schlafplatz und spielten noch ein wenig draußen. Auch schön.
Nachdem dieser erste Strand ein ziemliches Fiasko gewesen war, wollte ich für den nächsten Tag einen schöneren Strand ausfindig machen und suchte bei google „den schönsten Strand auf der Île de Ré“.
Dieser war leider Gottes ganz am anderen Ende der Insel. Doch egal. Das sollte doch ein schöner Urlaub werden und da ist der „schönste Strand“ ja wohl eine kleine Reise wert.
Das Fiasko geht weiter…
Als wir am nächsten Morgen an dem angeblich so schönen Strand ankamen, begeisterte auch dieser mich nicht wirklich auf den ersten Blick. Offenbar hatte ein Sturm kürzlich ganz viel Seegras und Dreck an den Strand gespült.
Wieder breiteten wir die Picknickdecke aus und wieder stellten wir den Sonnenschirm auf. Ich freute mich auf ein paar schöne Stunden am Strand. Man musste sich von Seegras ja nicht gleich die Laune verderben lassen. Konnte ja trotzdem schön werden.
Wäre sicherlich auch möglich gewesen, wäre da nicht schwuppsdiwupps so ein kleines Tierchen auf unsere Picknickdecke gehüpft und dann noch eins und noch eins… Sandflöhe. Nerv.
„Vielleicht sind es ja nur ein paar Sandflöhe“, hoffte ich. Wir wollten ja ohnehin nicht den Tag auf der Picknickdecke verbringen, sondern im Meer. Also sind wir erst mal zum Wasser gelaufen. Es war tatsächlich gar nicht so einfach, eine Stelle zu finden, in der nicht so viel Seegras im Wasser herum schwamm.
Wir plantschten ein wenig.
Als wir wieder zur Picknickdecke zurückkehrten, hoffte ich inständig, dass der Sandflöhe-Spuk wie durch Zauberhand vorbei wäre. Ich meine, soviel Pech konnte man mit Stränden doch nicht haben!
Aber doch, man konnte. Und die Sandflöhe waren inzwischen überall auf unserer Picknickdecke verteilt.
Das war kein Strand an dem ich bleiben wollte. Also haben wir wieder einmal unsere Sachen zusammen gepackt und sind gegangen.
Inzwischen war ich so enttäuscht und genervt, dass ich nur noch von dieser „schrecklichen“ Insel runter wollte!
Ich möchte dem Tourismus der Île de Ré nicht schaden, daher füge ich an, dass es vielleicht eine tolle Insel ist und wir an diesen beiden Tagen einfach nur Pech hatten.
Wieder im Bus und auf dem Weg runter von der Insel und hin zu unserem nächsten Stellplatz, war die Stimmung etwas gedämpft. Wir gaben alle unser Bestes um die unglücklichen Situationen gut zu meistern und hatten auch schöne Momente. Doch dieses Gefühl von entspannter Verbundenheit wollte sich noch nicht ganz einstellen.
Ich erinnerte mich daran, dass es seit der Trennung von meinem Ex-Mann und nach einem mehrtägigen Besuch der Kinder bei ihrem Papa, immer eine Weile gedauert hatte, bis der Alltag mit mir und meinen Kindern sich wieder „ganz normal“ anfühlte.
Manchmal fühlte es sich so an, als wären wir Zahnräder, die nicht mehr ganz ineinander griffen.
Ich hoffte jedes Mal, dass diese Zahnräder einfach so und ganz harmonisch wieder ineinander finden würden. Doch wie sehr ich es mir auch wünschte und wie sehr ich mich auch anstrengte, es schien jedes Mal eine gewisse Reibung nötig zu sein, damit sich alles wieder normal anfühlte und und wir wieder das vertraute, eingespielte Team waren.
Während ich schweigend vor mich hin fuhr, schimpfte ich in Gedanken mit Gott und dem Universum.
Ich befand, dass es in dieser besonderen Urlaubssituation wirklich leichter sein dürfte.
Schließlich war es ja nun wirklich nicht zu viel verlangt, einen schönen Platz zum Ankommen zu finden, oder? Einen, an dem wir uns alle wohl fühlten und an dem wir gemeinsam lachen und Spaß haben konnten.
Ich fühlte mich vom Universum betrogen. Hatte das Universum etwa vergessen, dass ich den perfekten Urlaub „brauchte“, damit ich meine Kinder nicht verliere?
Doch es ging noch weiter: Der Schlafplatz, den wir ausgesucht hatten, war voll und die App wusste von keinem anderen Schlafplatz in der unmittelbaren Umgebung. Also was nun?
Ich wusste es nicht.
Ich wusste nur, dass ich von der Gesamtsituation inzwischen mächtig genervt war! Und ich wusste, dass ICH irgendeine Lösung finden musste.
Ansprüche adieu
Vorher hatte ich noch versucht, gute Miene zum bösen Spiel zu machen. Vorher hatte ich noch versucht, die aufsteigende missmutige und unzufriedene Stimmung meiner Kinder durch Optimismus auszugleichen. Jetzt war da nix mehr zu wollen: Ich war richtig genervt.
Hunger hatte ich auch und das macht die Sache absolut nicht besser.
Mein „basic-instinct“-Modus setzte ein: Okay, was ist hier jetzt das Wesentliche? Schlafplatz finden und Hunger stillen.
Egal wo und egal wie. Ansprüche adieu!
Ja, ich wollte es so toll wie möglich für meine Kinder haben.
Ich wollte doch so sehr, dass sie erlebten wie schön das Leben im Bus sein kann. Wie besonders es ist, an wunderschönen Orten mitten in der Natur zu essen oder auch zu schlafen.
Doch wie wunderbar egal meine Ansprüche und Wünsche plötzlich werden konnten, wenn ich einfach nur noch genervt war und Hunger hatte. Alles reduzierte sich auf das absolut Notwendigste!
Das Blatt wendet sich…
Mit meiner neu gewonnenen anspruchslosen, aber dafür sehr entschlossenen inneren Haltung, machten wir uns auf die Suche nach einem ruhigen Plätzchen, wo wir für eine Nacht stehen bleiben konnten.
Und siehe da, wenig später fanden wir einen Grünstreifen neben ein paar Bahngleisen.
Auf diesem Grünstreifen standen bereits ein paar PKWs und auch wenn dies kein offizieller App-Parkplatz zu sein schien, stellte ich mich einfach dazu.
Es war kein Stellplatz, wie ich ihn mir erträumt hätte, aber es war ein guter Platz zum Schlafen. Und das musste gerade reichen.
Als nächstes kochte ich etwas zum Abendessen. Schnell und einfach.
Na bitte. Geht doch. Schlafplatz gefunden und Hunger gestillt!
Halleluja!
Aufatmen
Unser Schlafplatz befand sich nicht weit vom Meer. Das hatten wir beim Herumirren auf der Suche nach einem Parkplatz für die Nacht, herausgefunden.
Daher machten wir nach dem Abendessen mit frisch gewonnener Energie und deutlich besserer Laune einen kleinen Abendspaziergang zum Meer.
Ich hatte keine Ahnung, was uns erwarten würde. Nach dem „Crash“ der vergangenen Stunden, war da nur noch Aufmerksamkeit für den Moment in mir. Keine Erwartungen, keine Wünsche, keine Vorstellungen, keine Anspannung.
Der Moment war der Moment.
Wir erreichten den Strand und ein Blick von mir genügte, um zu sehen, dass es sich um einen wirklich wunderschönen Sandstrand handelte. Darüber hinaus empfing uns nicht weniger als ein traumhaft farbenprächtiger Sonnenuntergang!

Ein riesiges Aufatmen ging durch mich durch!
Nach den herausfordernden Situationen der letzten Tage, war dies endlich einmal ein unglaublich schöner und leichter Moment!
Wir sprangen über die Wellen und schauten dem Sonnenuntergang zu. Wir hatten zusammen Spaß und lachten. Wie befreiend das alles war! Ich war glücklich und voller Freude und unglaublich dankbar.
Es fühlte sich an, als ob die Zahnräder wieder ineinander griffen.
Wieder einmal hatte es die Reibung gebraucht. Wieder einmal hatten meine Mädels und ich die Reibung überwunden. Wieder einmal hatten wir es geschafft, in die gewohnte Vertrautheit zu finden. Wir waren wieder ein Team. Und wir hatten Spaß zusammen.
Ab jetzt würde sich alles fügen. Ab jetzt würde alles gut werden!
3 Comments
Mandy
🥰
Martina
Ich glaube, es ist immer schwer, einfach loszulassen und den Moment so zu nehmen wie er ist. Wieder zwei tolle Kapitel aus deinem Buch, es bleibt spannend zu erleben, wie sich alles ineinander fügt…
Karin
🙂