Kapitel 9 – Im Sand versunken

„Ändere Deine Realität, wenn sie Dir nicht gefällt. Und sag JA zu den Dingen, die Du nicht ändern kannst! Glück ist immer eine Akzeptanz dessen was ist.“

(Unbekannt)

Ein paar schöne Tage lagen nun bereits hinter uns und wir waren inzwischen bei der „Dune du Pilat“, der größten Sanddüne Europas, angekommen. Diese Sanddüne ist in ihrer Größe und Ausdehnung enorm beeindruckend. Und wäre nicht das Meer direkt daneben gewesen, hätte man glatt den Eindruck bekommen können, in der Wüste zu sein.

Sanddüne „Dune du Pilat“

Der Sand der Dune du Pilat ist megafein und weich. Die Sandhügel laden zum Spielen, Herumtollen und Runterkugeln ein und das haben wir auch gemacht. Kurz, wir hatten sehr viel Spaß und sind Stunden später ausgepowert zum Bus zurück gelaufen.

Gerne hätte ich mich nun ausgeruht. Aber wir hatten alle Hunger. Also habe ich Essen gekocht.
Gerne hätte ich mich danach ausgeruht, aber es war an der Zeit, einen Schlafplatz für die Nacht zu suchen. Also machten wir uns auf den Weg.

Wir klapperten einen Campingplatz nach dem nächsten ab und versuchten uns an diversen Parkplätzen auf denen wir ebenfalls hätten übernachten dürfen.
In den vergangenen Tagen verlief die Schlafplatzsuche absolut unproblematisch. Doch an diesem Tag hatten wir kein Glück. Entweder waren die Campingplätze und Parkplätze voll oder die Parkplätze waren an einer viel befahrenen Straße gelegen. Den Bewertungen der App zufolge, war es in der Nacht ebenso laut wie tagsüber. Daher waren diese Parkplätze keine Option, denn ich wusste, wir würden kein Auge zumachen können.

Was nun? Was tun? Ein Schlafplatz musste her, da führte nun mal kein Weg dran vorbei.
Ich fuhr willkürlich irgendwelche Straßen entlang auf der Suche nach einem Parkplatz für die Nacht. Als wir in einer recht unbewohnten weitläufigen Gegend unterwegs waren, beschloss ich aus der Not heraus, dass wir an dieser wenig befahrenen Straße am Straßenrand übernachten würden. Für eine Nacht würde das sicherlich gehen.


Der breite Seitenstreifen war zwar etwas sandig, aber größtenteils mit Gras bewachsen, so dass meine Reifen ausreichend Halt fanden. Um einigermaßen gerade zu stehen, rangierte ich etwas hin und her und auch das war kein Problem.
Ich atmete auf.
Endlich angekommen. Endlich konnte ich mich ausruhen.

Da es schon spät war, machten wir uns recht bald für´s Schlafengehen zurecht.
Wie vermutet fuhr kaum ein Auto vorbei und so hatten wir eine ausgesprochen ruhige und angenehme Nacht auf diesem Seitenstreifen. Zwar regnete es in der Nacht, doch das tat unserem Schlaf keinen Abbruch.

Das böse Erwachen

Das böse Erwachen kam am nächsten Morgen. Als ich nämlich losfahren wollte und mit Erschrecken feststellte, dass meine Vorderreifen selbst beim vorsichtigen Anfahren keinen Halt mehr fanden und durchdrehten.

Klar, hatte ich auf den Untergrund geachtet. Aber ich hatte nicht bedacht, dass nächtlicher Regen und/oder ein langes Stehen, die Bodenverhältnisse derart verändern könnten, dass ich mit meinem fast 3,5t schweren Gefährt im Untergrund einsinken und feststecken könnte.

Es war ein ziemliches Desaster! Nichts, das man unbedingt erleben möchte.
Ich steckte mit meinem Bus im Sand fest. Irgendwo im Nirgendwo. Weit und breit nur Natur. Der nächste Ort ein paar Kilometer entfernt.

Noch einmal versuchte ich meinen Bus aus dem Sand zu befreien, indem ich ganz vorsichtig Gas und Kupplung betätigte. Doch das war kontraproduktiv. Meine Räder fanden keinen Halt mehr. Das war eine Tatsache, die ich akzeptieren musste. Daher stellte ich den Motor ab und war erst einmal ratlos.
Wie sollten wir hier denn nur um Gottes Willen wieder rauskommen?

Wie im Film


In mir war dieses fassungslose Gefühl, dass diese Situation jetzt nicht real war.
Nicht real sein konnte und vor allem auch nicht real sein durfte!
Gleichzeitig betrachtete ich diese Situation wie von Außen. Ich kam mir vor wie in einem Film, denn so etwas passierte doch nur im Film, oder?
Alles war für mich derart unwirklich und absurd. Ich merkte, wie sich ein großes Lachen in mir breit machte. Die „Feuertaufe“ mit dem Bett lag erst 4 Tage zurück und nun befand ich mich wieder mitten in einem Abenteuer. Es war einfach zu extrem.

Die Lage war ernst und ich war der Panik nahe. Vielleicht war ich auch kurz davor hysterisch durchzudrehen. Denn ich konnte die Situation tatsächlich bloß als riesengroßen Witz betrachten. Ein Scherz vom Scherzkeks namens Universum. Ich kann es nicht anders erklären.
Alles schien so unwirklich. Ängste oder Sorgen hatten da keinen Platz.
Und vielleicht war gerade DAS auch ein großes Glück, denn schließlich musste ich für mich und für meine Kinder weiter handlungsfähig bleiben.

Ohne groß nachzudenken, kam mir plötzlich die Idee, kleine Stöckchen vor und unter die durchdrehenden Räder zu verteilten. Vermutlich irgendein Film, in dem ich es mal gesehen hatte?
Egal! Hauptsache es gab einen Lösungsansatz und etwas, dass wir tun konnten.

Also sammelten wir Stöckchen. Es erschien mir logisch, dass diese Stöckchen dünn genug sein mussten, dass der Reifen mit möglichst wenig Widerstand darauf fahren konnte. Gleichzeitig aber auch stark genug, damit der Reifen Halt bekommt, um aus der Sandkuhle heraus fahren zu können.
Ich fand meine Idee und die Überlegungen dazu toll.
Es funktionierte nur leider nicht.

Ein kleines Wunder

Welch ein Rückschlag in diesem Abenteuer. Doch bevor ich mir noch lange überlegen konnte, wie es nun weiter gehen sollte, geschah ein kleines Wunder:
Drei Jogger liefen an uns vorbei – irgendwo im Nirgendwo wohlgemerkt. Wie ein Fata Morgana. Unwirklicher ging es wirklich nicht mehr. So kam es mir zumindest vor.
Es waren 3 Franzosen, alle zwischen 35 und 40 Jahre alt und körperlich topfit.
Die idealen Helfer in unserem Abenteuer.

Ich sprach sie an, erklärte ihnen unsere Situation und sie waren hochmotiviert uns zu helfen.
Und während der eine sich noch meine Vorderräder anschaute, flitzten die anderen beiden schon in den Wald auf der gegenüberliegenden Straßenseite und kamen mit richtig dicken Stöcken zurück, die sie ähnlich wie ich auch, unter die Vorderräder platzieren wollten, damit die Räder Halt bekamen.
Ich war etwas skeptisch angesichts der Größe und Dicke, aber nachdem es mit meinen dünnen Stöckchen ja nicht funktioniert hatte, klappte es vielleicht jetzt.
Aber nope! Meine Räder waren Stock-resistent und bewegten sich keinen Millimeter aus dem Sand heraus.

Vermutlich war sich jeder der Anwesenden der Absurdität dieser Situation bewusst und so war die Stimmung insgesamt heiter. Wir plauderten und witzelten etwas herum und ich erfuhr, dass die 3 Franzosen mit 5 weiteren Freunden im Urlaub in dieser Region waren.

Während wir erzählten und gleichzeitig versuchten, mein Fahrzeug aus dem Sand zu befreien, hielt ein Auto neben uns an. Das erste Auto an diesem Tag.
Der Fahrer fragte, ob wir Hilfe benötigten und ein Allradfahrzeug zum Rausziehen benötigten.
Ja, dem war wohl so.

Ich war so dankbar für diese ganze Unterstützung von Außen und ich war so dankbar, wie wunderbar gelassen meine Kinder in dieser abenteuerlichen Situation blieben.

Während ich zwar noch nicht wusste, wie wir mein Fahrzeug befreien würden, aber zumindest wusste, dass ich nicht alleine war, standen plötzlich 5 weitere Franzosen an meinem Bus.
Die 3 Jogger hatten offensichtlich ihre Freunde angerufen, die gleich zu uns gekommen sind. Wenig später kamen noch 2 weitere Franzosen mit ihrem Allrad-Fahrzeug hinzu.

Die einsame Straße irgendwo im Nirgendwo war inzwischen recht belebt:
10 Franzosen sowie meine beiden Kinder und ich.

Im Grunde genommen unglaublich.
Ich stand da und konnte es nicht fassen: Soviel Hilfsbereitschaft! Ich war mehr als gerührt.

Respekt & Selbstbewusstsein

Mehr noch. Obwohl es meine Entscheidung gewesen war, diesen Schlafplatz am Straßenrand zu wählen, gab mir keiner der 10 anwesenden Männer zu irgendeinem Zeitpunkt das Gefühl, dass ich etwas falsch gemacht hätte.
Es gab keine Vorwürfe, keine Besserwisser-Sprüche oder blöden Kommentare.
Stattdessen war da Respekt mir gegenüber und die freundliche Hilfsbereitschaft, mir und meinen Kindern aus dieser prekären Situation heraus zu helfen.

Besonders deutlich wurde mir dieser Respekt, als einer der Jogger mich fragte, in welche Richtung mein Bus herausgezogen werden musste und meinte damit, ob das Allrad-Fahrzeug von vorne oder von hinten ziehen sollte.

Ich war ganz überrascht. Natürlich war es mein Bus und so hatte ich die Verantwortung dafür.
Dennoch fühlte es sich für mich seltsam ungewohnt an, in einer solchen, im weitesten Sinne „technischen Problemsituation“, nicht einfach vom Wissen der Männern übergangen zu werden. Dass ICH in in dieser Situation von einem Mann gefragt wurde, was zu tun ist…. wow!

Ich teilte dem Jogger mit, dass mein Bus rückwärts rausgezogen werden musste und zu meiner großen Verblüffung überprüfte er meine Antwort nicht. Es gab auch keine Diskussion.
Er sagte einfach nur zum Fahrer des Allrad-Fahrzeuges: „La dame a dit qu´il fallait sortir le véhicule en marche arrière.“ (Die Dame hat gesagt, dass wir den Bus rückwärts rausziehen müssen.)
Nochmal wow!

Keiner der 10 Männer zweifelte an meiner Kompetenz und der Richtigkeit meiner Aussage. Und deshalb wurde auch einfach getan, was ich sagte.
Ich spürte förmlich wie das respektvolle Verhalten der Männer und deren Zutrauen mir gegenüber dazu führte, dass mein Selbstbewusstsein wuchs. Und das fühlte sich verdammt gut an! Irgendwie befreiend.

Und… Action!

Kurz darauf ging es los. Ich saß am Steuer. Ein Franzose saß im Allrad-Fahrzeug und zog von hinten. Vor mir an meiner Windschutzscheibe schoben 8 Franzosen mit aller Kraft, um meinen Bus aus dem Sand zu befreien. Der eine übrig gebliebene Franzose stand an der Seite und filmte die Szene mit seinem Handy.
Es war harte Arbeit und die Franzosen schoben mit aller Kraft.

Wieder einmal wurde mir die Abstrusität dieser Situation bewusst. Wie oft bitteschön sieht man 8 durchtrainierte Franzosen vor seiner Windschutzscheibe stehen, die mit aller Kraft versuchten, das eigene Fahrzeug aus dem Sand zu schieben.

Doch das Allrad-Fahrzeug und die 8 Franzosen reichten nicht. Tatsächlich wurde irgendwann der Franzose, der bislang gefilmt hatte, hinzu gerufen. Er war das Zünglein an der Waage. Denn erst als er dazu kam und nun insgesamt 9 Franzosen an meiner Windschutzscheibe mit aller Kraft schoben UND das Allrad-Fahrzeug von hinten zog, bewegte sich mein Bus endlich, endlich langsam rückwärts.

Hier versank mein Bus im Sand

Ende gut – alles gut!

Oh, was war ich erleichtert und glücklich!
So viel Adrenalin, so viel Abenteuer. Ich war völlig aufgeputscht und bedankte mich überschwenglich bei den ganzen Männern für ihre Hilfsbereitschaft und Unterstützung.
Ich war so unendlich dankbar, dass ich es nicht in Worte fassen konnte. Die Weinflaschen, die ich dabei hatte, verteilte ich gerne als Dankeschön und doch war es nur eine hilflose Geste, um meine Dankbarkeit auszudrücken.

Wenig später löste sich diese spontane Versammlung irgendwo im Nirgendwo auf und jeder ging wieder seines Weges.
Und während ich uns zu unserem nächsten Stellplatz fuhr, war in mir eine unbeschreibliche Freude. Ich war so glücklich und dankbar für dieses Erlebnis!

Sowohl das „Bett-Fiasko“ als auch das „im Sand versunken-Desaster“ waren beides definitiv keine angenehmen Situationen gewesen und doch machten mir genau diese beiden Situationen in ihrem Extrem deutlich, dass ich vertrauen darf.
Ich darf mir vertrauen, dass ich eine Lösung finde und schwierige Situationen meistern kann.
Aber vor allem darf ich dem Leben, dem Universum, Gott vertrauen, dass in dem Moment, in dem ich in eine herausfordernde Situation gerate, mir gleichzeitig Hilfe an die Seite gestellt wird, um die Herausforderung zu meistern.

Sogar irgendwo im Nirgendwo.

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