Kapitel 3 – Odilienberg
„Es ist Deine Entscheidung, wie Du Dich fühlst. Heute darfst Du Dich dazu entscheiden, glücklich zu sein!“
(Unbekannt)
Das Kloster Hohenburg liegt ganz oben auf dem Odilienberg und der nahegelegene Parkplatz ist über eine sehr kurvenreiche Strecke zu erreichen.
Gefühlt fuhr ich mit 70-90 km/h um die Kurven und raste nur so den Berg hoch.
Der Blick auf meinen Tacho zeigte mir allerdings, dass ich gerade mal mit 30-50 km/h den Berg hinauf schlich.
Irgendwie war die gefühlte Geschwindigkeit in diesem großen Fahrzeug für mich immer deutlich höher als die tatsächliche Geschwindigkeit. Das war mir in den letzten Tagen schon öfter aufgefallen.
Warum das so ist, ist mir allerdings ein Rätsel geblieben.
Glücklicherweise fuhr niemand hinter mir und so konnte ich relativ entspannt in meinem Tempo zum Parkplatz des Klosters fahren.
Kloster Hohenburg
Dort angekommen lief ich auf einem schönen Waldweg zur Klosteranlage.
Ich umrundete das Kloster und war beeindruckt von der gigantischen Aussicht, die man von hier oben hatte.
Außer mir waren noch zahlreiche andere Besucher anwesend und auch wenn ich niemanden dieser Menschen kannte, tat es mir gut von ihnen umgeben zu sein.
Genau wie die Menschen um mich herum, hatte auch ich es geschafft, jetzt hier an diesem Ort zu sein.
Ich hatte es geschafft – ganz alleine.
Ich spürte wie die innere Anspannung und das Angstgefühl etwas nachließen. Wie gut es mir doch tat, dieses erste Ziel erreicht zu haben!

Ich blieb eine Weile und genoss die phänomenale Aussicht, bevor ich das umliegende Waldgelände erkundete.
Es gab ausgeschilderte Wege und so war es leicht, diesen zu folgen.
In der schönen Natur umherzulaufen war beruhigend und es tat gut auf den Wegen immer wieder Menschen zu begegnen, die in diesem Augenblick auch nichts anderes taten, als diesen Ort zu besuchen.
Es gab gerade nichts anderes zu tun als ein wenig herumzuspazieren und sich alles anschauen zu dürfen.
Das fühlte sich nach den vergangenen hektischen Wochen und Monaten tatsächlich etwas seltsam an.
Ich habe es geschafft!
In der Ruhe, die das Kloster und die Natur drumrum auf mich ausstrahlte, wurde mir ganz langsam bewusst, dass das, worauf ich die ganzen letzten Wochen und Monate hin gearbeitet hatte, nun Realität geworden war.
Ich war tatsächlich am Beginn meiner Auszeit. Ich war tatsächlich mit meinem Mr. Shape unterwegs.
Das eine war, dass ich es geschafft habe:
Den ganzen Prozess vom Anfang der Ideenfindung bis hin zum Ende der Umsetzung habe ich alles alleine entschieden und organisiert.
Nach vielen Jahren als Hausfrau und Mutter fühlte sich das ungewohnt an.
Nicht, weil ich in diesen Jahren nichts entschieden hätte. Im Gegenteil: Als Hausfrau und Mutter gab es jeden Tag unzählige Entscheidungen zu treffen und nicht umsonst betrifft Mental Load häufig Mütter.
Doch die Entscheidungen waren andere gewesen.
Denn ob ich mich für Nudeln oder Reis zum Mittagessen entschied, ob ich es heute oder morgen schaffen würde, den Einkauf zu erledigen oder wie ich mich entschied, mit den Streitigkeiten oder Trotzanfälle der Kinder umzugehen…
All diese Entscheidungen machten nicht wirklich einen sichtbaren Unterschied.
Es blieb im Grunde genommen ja alles gleich:
Am Ende des Tages lag hoffentlich jedes Kind gesund und einigermaßen zufrieden im Bett und das Haus sah im Großen und Ganzen auch genau so aus wie am Abend zuvor.
Da es nicht wirklich einen Fortschritt gab, fühlte es sich für mich manchmal so an, als würde ich gar nichts „Richtiges“ tun, sondern nur innerhalb eines vorgegebenen Rahmens funktionieren.
Es war daher für mich sehr aufregend gewesen zu sehen, wie die Entscheidungen, die ich traf, plötzlich auch tatsächlich zu Veränderungen führten.
Gleichzeitig gab mir der sichtbare Prozess der einzelnen Schritte das gute Gefühl von Selbstwirksamkeit und Lebendigkeit.
Das andere war, dass ich es geschafft habe:
Ich habe es geschafft, fristgerecht meine Teilzeitstelle zu kündigen.
Ich habe einen passenden Lagerraum für meine Sachen gefunden.
Ich habe es geschafft, den Inhalt unseres Hauses auszusortieren und in Kisten zu packen.
Ich habe ein Umzugsunternehmen gefunden, dass meine Sachen sicher in den Lagerraum eingelagert hat.
Ich habe es geschafft, unser Haus sauber geputzt und pünktlich zum vereinbarten Termin zu übergeben.
Darüber hinaus habe ich herausgefunden, was für eine Art Campingbus / Wohnmobil ich für meine Zwecke benötigte.
Da ich keine Ahnung von Technik und Fahrzeugen habe, traute ich mir entsprechend auch nicht zu, dass ich ein „gutes“ Fahrzeug von einem „weniger guten“ Fahrzeug würde unterscheiden können. Dennoch habe ich meinen wundervollen Mr. Shape gefunden.
Ncht zuletzt habe ich es geschafft, meine Sachen so zu sortieren, dass alles Wichtige und Notwendige in meinem Campingbus ist, so dass ich gut darin leben konnte.
Das war viel!
Doch jetzt war ich hier auf dem Odilienberg und hatte Zeit, mich um mich zu kümmern und mich zu entspannen.
Ich musste nur innerhalb einer Woche ca. 900 Kilometer zur Atlantikküste in die Nähe von Bordeaux fahren.
Da ich mit einem PKW an einem Tag ca. 600 km fahren kann, würde ich die Strecke also locker innerhalb einer Woche schaffen.
Pah! Easy! Da könnte ich mir ja sogar noch einige Sachen anschauen. Vielleicht den Mont St. Michel? Ach, ich hatte ja so viel Zeit und nur ich in und mit meinem Bus.
Das würde toll werden!
Als ich nach der Besichtigung der Klosteranlage wieder am Parkplatz angekommen war, hatte ich Hunger.
Kein Wunder. Es war Mittagessenszeit.
Die letzten Tage in meinem Wohnort habe ich zwar auch schon in meinem Bus gelebt, aber ich war auch viel bei Freunden zum Essen eingeladen worden oder habe mir in der Stadt etwas zum Essen gekauft.
Tatsächlich war dies also das 1. Mal, dass ich etwas in meinem Bus kochen wollte.
Ich entschied mich für etwas Einfaches: Pfannkuchen mit Pilzen.
Glücksgefühle
Abgesehen davon, dass ich ohnehin schon begeistert war, dass ich es geschafft hatte, das Kloster Hohenberg auf dem Odilienberg zu besuchen, war das Kochen das 2. Highlight an diesem Tag.
Es war so aufregend für mich, irgendwo auf einem Parkplatz zu stehen und zu kochen.
Ich war es gewohnt, nach Hause fahren zu müssen und in meiner Küche zu kochen.
Parkplätze waren für mich bislang nur zum Parken da. Dass ich einmal auf einem Parkplatz stehen würde, um dort Mittagessen zu kochen… auf die Idee wäre ich nicht mal gekommen.
Aber es funktionierte! Ich konnte in meinem Bus Pfannkuchen zubereiten!
Innerlich war ich total happy. Ich hatte ein Stückchen Sicherheit zurück gewonnen. Ich konnte mich selbst versorgen in diesem Bus. YES!
Natürlich waren die Handgriffe beim Kochen und Spülen noch etwas holprig und es dauerte gefühlt alles 3 Mal so lang wie normalerweise. Aber ich musste mich ja erst noch einfinden und schauen, wie alles funktioniert und wie ich wo alles auf engstem Raum unterbringe, so dass es auch praktisch zugänglich für mich ist.
Aber dass es noch umständlich war, war nicht wichtig. Wichtig war, dass es mir gut ging und ich eine innere Sicherheit zurückgewonnen hatte!
Nach dem Essen befand ich, dass es erst einmal Zeit für eine Mittagspause war. Ich war sooooo müde.
Sich einfach mal hinlegen, egal wo ich gerade mit meinem Bus stand… wie genial war das denn bitteschön?!
Das war für mich Freiheit. Was soll ich sagen, ich war echt glücklich in diesem Moment! 🙂
Diese Momente des Glücks sind so kostbar!
Und irrtümlicherweise glaube ich dann jedesmal, dass es immer so weitergeht.
Weil ich ja jetzt weiß wie es geht.
Weil ich mein Leben ja jetzt wieder im Griff habe.
Weil von Angst und Unsicherheit weit und breit nichts zu sehen und zu spüren ist.
Doch die nächste Herausforderung kommt. Immer.
Also lieber den kostbaren Augenblick des Glücks genießen. Und das habe ich getan.
Fahrstunde
Es hatte angefangen zu regnen und draußen war es ein richtiges Trübe-Tassen-Wetter. Grau und naß und frisch.
Doch das störte mich in meiner Hochstimmung weniger. Ich saß ja in meinem gemütlichen Bus und hatte alles was ich brauchte.
An diesem Nachmittag freute ich mich sogar auf das gemütliche Fahren bei dem Regenwetter.
Doch hatte ich irgendwie verdrängt, dass ich noch nicht so ganz vertraut mit meinem Fahrzeug war.
Das Universum hatte dies hingegen nicht vergessen und war der Meinung, dass hier und heute der beste Zeitpunkt für eine Intensiv-Fahrstunde mit meinem Mr. Shape wäre.
Thema dieser Unterrichtseinheit würde sein: „Fahren bei schlechter Sicht und nasser, rutschiger Fahrbahn mit dem Schwerpunkt: Steiles bergauf- und bergab-fahren mit sehr vielen Rechts- und Linkskurven“.
Das Universum hatte da ja schon Recht, denn ich hatte noch kein rechtes Gefühl für die Größe von meinem Bus und für das Kurvenverhalten. Doch angenehm war es trotzdem nicht.
Besonders herausfordernd waren für mich die Rechtskurven. Durch den vergrößerten Radabstand musste ich die Rechtskurven viel großzügiger fahren, als ich es von einem PKW gewohnt war.
Zwar habe ich mich wacker geschlagen, aber das ein oder andere Mal habe ich doch eine Kurve geschnitten und den Bordstein mitgenommen. Glücklicherweise ist nix passiert.
Um es kurz zu machen: Diverse Umleitungen, schlechte Sicht- und rutschige Straßenverhältnisse, unglaublich viele Kurven und Straßen die steil bergauf und steil bergab führten, sorgten dafür, dass ich am Ende dieser Fahrstunden fix und fertig war.
Aber ich hatte auch ein deutlich besseres Gespür für meinen Bus bekommen, was seine Größe, seine Wendigkeit und sein Beschleunigungs- und Bremsverhalten anbelangte. Und das war tatsächlich ein sehr gutes Gefühl!
Am Abend war ich sehr müde. Aber auch sehr zufrieden:
Ich hatte wieder einen Schlafplatz gefunden und den ersten Tag meiner Auszeit mit all seinen Herausforderungen gemeistert!
Gut gemacht!