Kapitel 5 – Auf dem Weg
„You´re never going to get to any final place.
And so, we want to remind you, to relax and start having fun on the way.“
(Unbekannt)
Es ging immer weiter Richtung Atlantik. Und auch wenn ich nur langsam voran kam… ich kam voran!
Während dieser Zeit lernten mein Mr. Shape und ich uns näher kennen. Denn nicht nur das Fahren war ungewohnt, auch das Leben in meinem Bus war völlig neu für mich.
Allein die Prozedur des Losfahrens war jedes Mal eine wahre Geduldsprobe. Es klingt so einfach zu beschließen: „Ich fahre jetzt los.“
Der Gedanke als solcher ist es sicherlich schon, die Umsetzung hingegen war jeweils eine komplexe Konzentrationsübung für mich:
- Alle Fenster verschlossen?
- Auch die Dachfenster?
- Nichts, was auf den freien Flächen herumliegt und während der Fahrt herunterfallen könnte?
- Die Badtür fixiert?
- Die Herdabdeckung unten?
- Das Geschirr abgespült und in den Schränken verstaut?
- Alle Schränke und Schubladen zu?
Es war egal, wie sehr ich mich bemühte an alles zu denken, nach ein paar Metern musste ich wieder anhalten, weil ich etwas vergessen hatte.
Glücklicherweise erinnerte ich mich daran, dass mir der Vorbesitzer von meinem Mr. Shape beim Verkauf von Ähnlichem berichtet hatte. Damals hatte ich noch recht altklug gedacht: „Das kann ja nicht so schwer sein, die paar Dinge zu kontrollieren bevor man losfährt.“
Tja, manchmal muss man die Erfahrung wohl selbst machen, um zu verstehen…
Neuland
In dieser ersten Woche bekam ich bereits eine Ahnung davon, dass das Leben im Bus deutlich umständlicher, anstrengender und zeitintensiver war, als ich es mir je hätte vorstellen können.
Losfahren war das Eine.
Das Andere war: Wasser in den Wassertank auffüllen, Abwasser (Grauwasser) ablassen, die Toilettenkassette entleeren, jeden Nachmittag in der App nach Schlafplätzen suchen, in immer neuen Supermärkten einkaufen, an immer anderen Tankstellen mit unterschiedlichsten Zahlungsmethoden tanken, duschen und natürlich den Bus immer wieder aufräumen.
Alles war in dieser ersten Woche eine Premiere und entsprechend aufgeregt war ich vor jeder neuen Herausforderung:
Wie entleere ich die Toilettenkassette? Wo bekomme ich frisches Wasser her? Wie dusche ich in meinem Bus? Wie funktioniert das nochmal mit dem heißen Wasser? Wo ist die nächste Tankstelle? Wie funktioniert die App für die Schlafplätze?
Noch bis vor Kurzem waren diese Aufgaben nicht der Rede wert gewesen. Das Wasser kam aus dem Wasserhahn, die Klospülung kümmerte sich auch ohne mein Zutun um alles weitere und mein Bett stand jeden Abend am selben Platz.
Einkaufen, tanken, duschen, aufräumen…gähn… ja, das wurde so nebenbei erledigt, neben den 1000 anderen, viel wichtigeren, Aufgaben.
Back To Basic!
Doch hier in meinem Bus, waren genau diese vermeintlich unwichtigen Aufgaben nicht mehr selbstverständlich, sondern plötzlich elementar wichtig.
Einmal gewusst wie, waren es allesamt einfache Aufgaben, die aber dennoch ihre Zeit zur Erledigung benötigten. Und Multitasking war nicht. Es ging immer nur eins nach dem Anderen – Entschleunigung pur.
Um den Wassertank aufzufüllen, stand ich beispielsweise 10 Minuten mit einem Wasserschlauch in der Hand neben meinem Bus. Ich stand nur nur da und hörte zu wie das Wasser in den Tank strömte.
Stimmt nicht ganz. Ich tat noch etwas anderes:
Ich freute mich über jeden Liter Wasser, den ich bald wieder zur Verfügung haben würde!
Diese Tätigkeit fühlte sich so überaus sinnvoll und nützlich an! Schließlich sorgte sie dafür, dass ich in meinem Bus weiterhin gut versorgt sein würde.
Kurz und gut: Ich hatte das Gefühl auf das Wesentliche zurückgeworfen worden zu sein und das erfüllte mich mit einem tiefen inneren Frieden und einer großen Freude.
Am Anfang meiner Reise hatte ich mir noch Gedanken gemacht, was ich denn um Gottes Willen mit der ganzen freien Zeit anfangen sollte.
Doch sehr schnell merkte ich, dass diese Gedanken völlig überflüssig waren.
Im Gegenteil: Mein Tag war mit diesen elementaren Aufgaben und der Fahrerei zur Atlantikküste mehr als ausgefüllt.
On The Road
Da ich auf meiner Reise gerne etwas von der Landschaft sehen wollte, hatte ich mich entschieden, die Autobahnen zu umfahren.
So kam ich an wirklich netten Städtchen vorbei und konnte eine sich immer wieder wandelnde beeindruckende Landschaft bestaunen. Maisfelder und Wiesen wechselten sich mit vielen wunderschönen Sonnenblumen-Feldern ab.

Darüber hinaus war es aufregend an den unterschiedlichsten Parkplätzen zu übernachten:
Mal übernachtete ich auf einem Campingplatz und mal auf einem Parkplatz in der Nähe eines Weinbergs.
Auch war es spannend an den unterschiedlichsten Plätzen zu kochen und zu essen:
Mal kochte und aß ich in meinem Bus, während ich auf einem Parkplatz in einem kleinen Städtchen stand und einige Passanten an meinem Fenster vorbei liefen.
Mal stand ich auf einem abgelegenen Parkplatz und aß mein Abendessen auf einer Picknickbank im Freien und genoss die Ruhe und die Natur um mich herum.
Alles war abwechslungsreich, aufregend und ungewohnt – manchmal seltsam und schräg (z.B. Kochen auf Parkplätzen, wenn andere Menschen dabei zuschauen können), aber irgendwie auch cool!
Autoschlange
Dank der Intensiv-Fahrstunde auf dem Odilienberg war die restliche Strecke, was Kurven und Straßen anging, sehr entspannt.
Was für mich hingegen Ü B E R H A U P T nicht entspannt war, waren die Fahrzeuge hinter mir!
Dabei taten sie gar nichts. Sie fuhren nur mehr oder weniger geduldig hinter mir her.
Aber das allein genügte schon, um in mir eine Anspannung zu erzeugen, die bis in meine Haarspitzen reichte.
Schließlich erinnerte ich mich noch gut daran, wie ungeduldig und genervt ich war, wenn ein langsamer LKW vor mir her fuhr, während ich es mit meinem PKW eilig hatte.
Nun war ich in gewisser Weise der langsame LKW und stellte mir vor, wie die anderen Autofahrer hinter mir ebenso genervt und ungeduldig mit mir waren.
Ich wollte die Fahrzeuge hinter mir nicht aufhalten und gleichzeitig konnte ich aber auch nicht schneller fahren.
Das hatte mehrere Gründe:
Zum einen lag die gefühlte Geschwindigkeit in meinem Bus für mich immer noch ca. 20 – 30 km/h über der tatsächlichen. Und auf manchen kurvigen, engen Straßen befürchtete ich ernsthaft die Kontrolle über mein Fahrzeug zu verlieren, wenn ich nur 5 km/h schneller fahren würde.
Zum anderen waren die Kreisverkehre, engen Kurven und die in Frankreich recht beliebten Straßenhubbel besonders heimtückisch.
Die Erfahrung hatte mich gelehrt, dass ich diese nur mit einer äußerst geringen Geschwindigkeit befahren konnte, da sonst meine gesamte Inneneinrichtung klirrte und schepperte oder selbst gut verstaute Gegenstände zu Boden fielen.
Diese Gründe führten dazu, dass ich langsamer voran kam als die anderen Autofahrer.
Das wiederum hatte zur Folge, dass sich diese immer wieder hinter meinem Mr. Shape versammelten.
Zu meinem Leidwesen waren entsetzlich viele Franzosen zum selben Zeitpunkt auf denselben Landstraßen unterwegs wie ich.
Oftmals bin ich einfach an den Straßenrand gefahren und habe alle Autos an mir vorbei fahren lassen.
Dann ließ die Anspannung etwas nach.
Das hielt jedoch nie lange an.
Entweder, weil sich innerhalb kürzester Zeit wieder etliche Fahrzeuge aus dem Nichts hinter mir versammelt hatten oder weil ich genau dann als erste an eine rote Ampel kam.
Bis die Ampel wieder grün wurde, hatten sich natürlich wieder einige Fahrzeuge hinter mir eingefunden.
„Bleib bei Dir!“
Ich war mir sicher, dass der Scherzkeks, namens Universum, dahinter steckte.
Meine Vermutung war, dass ich die Lektion lernen sollte, bei mir zu bleiben und meinen Weg ganz entspannt in meiner Geschwindigkeit zu fahren und mich nicht um die Meinung oder die Emotionen anderer Menschen zu kümmern.
An und für sich eine ganz nützliche und gute Lektion, wie ich fand. Dennoch war sie für mich nicht so angenehm in der praktischen Umsetzung und ich wünschte mir ganz dringend einen „short-cut“ herbei.
Manchmal tat ich dann einfach so, als ob mich die Autoschlange hinter mir ÜBERHAUPT nicht stören würde, manchmal betete ich mir ein Mantra vor und manchmal glaubte ich, dass es diesmal doch schon viel entspannter gewesen sei und dass das Universum diese Lektion nun wirklich als beendet betrachten könnte.
Schließlich hatte ich es doch nun wirklich verstanden.
Doch das Universum lässt sich nicht einfach so austricksen. Und es gab sich auch nicht damit zufrieden, dass ich etwas rational verstanden hatte. Es wollte offenbar, dass ich die erstrebenswerte Ruhe und Gelassenheit wirklich lebte, wenn andere Autos hinter mir herfuhren und sie mir nicht nur erdachte.
Glücklicherweise wusste ich zu dem Zeitpunkt noch nicht, dass diese Lektion mich noch eine ganze Weile begleiten würde. Manchmal ist es gut, nicht zu wissen was vor einem liegt.
2 Comments
Martina
Wie geht es weiter? Ich kann es kaum abwarten, bis das nächste Kapitel kommt. Spannend, unterhaltsam und tiefgründig.
Karin
Danke liebe Martina! Deine Neugierde und Dein Interesse freut mich sehr und motiviert mich, bald wieder ein neues Kapitel zu veröffentlichen. 🙂