Kapitel 4 – So viel Zeit
„Es ist Deine Entscheidung, wie Du Dich fühlst.
Heute darfst Du Dich dazu entscheiden, glücklich zu sein!“
(Unbekannt)
Am nächsten Morgen wachte ich auf und stellte fest, dass ich in der Nähe einer Bäckerei geparkt hatte.
Was für ein Glück! So konnte ich mir zum Frühstück ein echtes französisches Schokocroissant kaufen.
Ohhh wie lecker!
Ich genoss mein Frühstück und es störte mich schon etwas weniger, dass mir andere beim Frühstücken zusahen.
Danach machte ich mich auf den Weg.
Wohin darf´s gehen?
Als ich vor einigen Monaten überlegt hatte, wie ich meine Auszeit füllen und wo ich gerne hinfahren wollte, spürte ich augenblicklich eine ganz tiefe Sehnsucht in mir: Das Meer. Ich wollte unbedingt wieder einmal das Meer sehen.
Es war kein Wunsch, der im Kopf entstanden ist. Vielmehr war es ein Impuls der spürbar wurde, noch bevor ein Gedanke Zeit gehabt hätte, sich zu formen. Es war ein echter Herzenswunsch! Und diesen wollte ich mir erfüllen.
Die Sommerferien standen vor der Tür und ich wollte die Zeit nutzen, um mit meinen Kindern ein wenig Zeit in meinem Bus zu verbringen.
Da ihr Vater mit ihnen in den Sommerferien an die Atlantikküste fahren würde, lag es nahe, dass ich ebenfalls zum Atlantik fuhr.
Dort könnten die Kinder dann von ihm zu mir wechseln und ich würde anschließend noch zwei schöne Ferienwochen mit meinen Mädchen zusammen in meinem Bus in Frankreich verbringen.
Das war der Plan. Und jetzt ging es nur noch darum, diesen final umzusetzen, indem ich in 7 Tagen ca. 950 km vom Odilienberg zur Atlantikküste, in die Nähe von Bordeaux, fuhr.
Es erschien mir so viel Zeit zu sein. Mit einem PKW schaffte ich diese Strecke locker in 2 Tagen.
Darüber hinaus gab es nichts, was ich sonst hätte tun müssen: Keine Arbeit zu der ich jeden Morgen gehen musste, kein Haus putzen, keine Kinder versorgen, keine Verpflichtungen, keine Verabredungen, keine Termine…

Abenteuerlust und Neugierde breiteten sich in mir aus. Wenn ich schon mal hier war, konnte ich mir doch noch ganz viele Sehenswürdigkeiten anschauen oder einen Umweg machen und den Mont St. Michel wieder einmal besichtigen.
Es gab keine vorgegebene Route. Ich konnte fahren wohin ich wollte.
Es fühlte sich an wie Freiheit pur! Wahnsinn.
Und dann ging es los. Richtung Atlantikküste. Was würde ich nicht alles sehen und erleben!
Dachte ich…
Doch tatsächlich bestanden die folgenden Tage hauptsächlich daraus, Pausen zu machen, mich hinzulegen und zu schlafen. Scheinbar nebenher bin ich dann noch gefahren, um überhaupt vorwärts zu kommen.
Mein Körper forderte zu Recht eine Pause ein, denn er hatte in den letzten Wochen tapfer durchhalten müssen.
Daher wollte ich ihm die Erholung geben, die er verdient hatte. Auch wenn das bedeutete, dass ich sehr viel langsamer vorankam, als ich es gedacht hätte und froh sein konnte, wenn ich pünktlich zum verabredeten Zeitpunkt am verabredeten Ort sein würde.
Ich war viel zu müde für Extra-Sehenswürdigkeiten und so war ich sehr happy darüber, dass der Weg als solches mir wunderschöne Ausblicke schenkte.
Auszug aus dem Haus
Die letzten Monate vor meiner Reise waren anstrengend gewesen – insbesondere der Auszug aus dem gemeinsamen Haus.
Wer schon einmal ein ganzes Haus mit den Erinnerungen aus 10 Jahren aussortiert und in Kisten gepackt hat, weiß wovon ich spreche.
In den letzten Wochen vor dem Auszug bin ich morgens um 5 Uhr aufgestanden und nachts um 3 Uhr ins Bett gegangen, damit alles pünktlich fertig wurde. Es war eine anstrengende Zeit und dennoch habe ich mich selten so voller Tatendrang gefühlt wie zu dieser Zeit.
Es lag an mir, jedes einzelne „Ding“ aus diesem Haus in die Hand zu nehmen und zu entscheiden, was damit zu tun ist.
Das waren viele Entscheidungen, die es zu treffen und viele Emotionen, die es zu fühlen galt.
Manchmal war da Erleichterung, sich von so viel Altem und ganz viel Ballast befreien zu können.
Dann freute ich mich über die Klarheit, die damit einherging.
Darüber hinaus war ein gutes Gefühl, einen Überblick zu bekommen, was ich alles besaß und manchmal entdeckte ich kleine persönliche Schätze wieder, die ich schon längst vergessen hatte.
Das war dann ein Gefühl wie Weihnachten. 🙂
Abschied
Sehr oft war da aber auch die Trauer und der Schmerz über den Abschied.
Denn es war diesmal nicht nur ein Auszug aus einem mir inzwischen so vertrauten Haus, mit seinen warmen, lichtdurchfluteten Räumen und seiner liebevollen Einrichtung, der gemütlichen Terrasse und dem schönen Garten.
Es war vor allem der Abschied von einem ganzen Lebensabschnitt und seinen damit verbundenen Erinnerungen.
Ein Lebensabschnitt in einem Haus, in dem ich mit meiner Familie gelebt hatte.
Ein Lebensabschnitt in einem Haus, der davon geprägt war, dass ich als Mutter 24/7 für meine beiden Kinder da gewesen bin und sie in diesem Haus jeden Tag hab aufwachsen sehen dürfen.
In dem neuen Lebensabschnitt, der da kommen würde, gab es das Zusammenleben in dieser Familie nicht mehr.
In dem neuen Lebensabschnitt, der da auf mich zukam, würden meine zwei Mädchen bei ihrem Vater leben und nicht mehr bei mir. Zu diesem Zeitpunkt waren meine Kinder 9 und 14 Jahre alt.
Es war eine Entscheidung, die von uns Vieren gemeinsam getroffen worden ist.
Eine Entscheidung, die nach der Trennung von meinem Ex-Mann gewachsen ist und sich in einem Entwicklungsprozess von ca. 18 Monaten geformt hatte.
Diese Zeit war keine leichte Zeit – weder für mich, noch für meine Kinder.
Es war spürbar, wie sehr beide unter der Aufspaltung der Familie gelitten haben und dennoch waren sie so tapfer in ihrem Schmerz und der Annahme dessen was ist, wie es wohl nur Kinder können.
Doch so schwierig diese Zeit auch war, ich sie genau so gebraucht.
Ich brauchte das Ausprobieren von verschiedenen Betreuungsmodellen, um herausfinden zu können, was meinen Kindern gut tut und was nicht.
Ich brauchte diese vielen kleinen Schritte dazwischen bis zur endgültigen Entscheidung.
Ich brauchte alle Konflikte, Emotionen und Herausforderungen dieser intensiven Zeit.
Ich brauchte die langsam größer werdenden Zeiträume ohne meine Kinder, um sie nicht nur zu vermissen, sondern auch, um mehr und mehr meine Freiheit spüren und genießen zu können.
Ich habe ALLES, was es in dieser Zeit gegeben hat, gebraucht, um diese Entscheidung am Ende mit einer gewissen inneren Sicherheit tragen zu können.
Loslassen
Als der Auszug dann konkret wurde, war es für mich besonders schwierig, die Kindersachen auszusortieren.
Viele dieser Spielsachen, Bücher oder CDs waren für mich sehr kostbar, da sie mich an die vielen Stunden erinnerten, die ich zusammen mit meinen Kindern verbracht hatte.
Es war wie ein Schatz, den ich nicht hergeben wollte, noch nicht hergeben konnte.
Dennoch musste ich mich von Vielem trennen.
Die meisten Kindersachen gingen zu meinem Ex-Mann, bei dem meine Kinder zukünftig leben würden.
Viele Sachen durften aber auch aussortiert werden, da sie nur noch eine Erinnerung waren, aber nicht mehr gebraucht wurden.
Diese Gegenstände loszulassen war sinnvoll, logisch und gut. Und trotzdem tat es weh.
Zu diesem Zeitpunkt war es für mich schwer vorstellbar, wie es fortan werden würde.
Ja, mir war klar, dass ich meine Kinder nicht mehr so oft um mich haben würde.
Doch würde sich doch sonst nichts ändern, oder?
Ich würde doch in gewisser Weise so wie bisher für sie da sein können, oder?
Die vertrauensvolle Bindung würde doch bestehen bleiben, oder?
Sie würden mich doch nach wie vor lieb haben, oder?
Vor der Geburt des ersten Kindes kann sich keine Frau vorstellen, wie es werden wird, Mutter zu sein.
Genauso wenig konnte ich mir zu diesem Zeitpunkt vorstellen, wie es werden würde, Kinder zu haben, aber nicht mit ihnen zusammen zu leben.
In solchen Momenten macht man sich Vorstellungen, ja.
Aber wie es dann tatsächlich wird und was diese Entscheidung in all seinen Konsequenzen bedeutet, ist jenseits dessen, was man sich vorstellen kann.
Das erfährt man erst, während man den Weg geht.
Abschied von Freundinnen und Arbeitskolleg/innen
In dieser Zeit erhielt ich viel Unterstützung von Freundinnen, die mir beim Zusammenpacken, Sachen verkaufen oder beim Auszug selbst geholfen haben.
Diese Unterstützung in jeglicher Form zu spüren, tat total gut.
Gleichzeitig war da natürlich auch Wehmut.
Sicherlich musste mein Auszug nicht bedeuten, dass sich die Freundschaften auflösten.
Doch dass sich etwas verändern würde, einfach weil es nicht so blieb wie es war… das war gewiss.
Dann kam noch der letzte Arbeitstag.
Der Arbeitsplatz mit den vertrauten Arbeitsprozessen musste übergeben werden und die lieb gewonnenen Arbeitskollegen wollten ebenfalls verabschiedet werden.
Ich finde Abschiede alles andere als angenehm.
Es ist als wollte das Universum noch einmal aufzeigen, von wieviel Schönem man sich da gerade wirklich verabschiedet.
Was man alles hatte, ohne es richtig wertzuschätzen und in dem Moment des Abschieds, wo man das Gute dann mit aller Wucht präsentiert bekommt, ist es auch schon weg.
Und dennoch musste alles was im Abschied so deutlich sichtbar wurde: die Wertschätzung, die Ruhe des Vertrauten, das Lieb gewonnene…, doch ganz leise auch im Alltag vorhanden gewesen sein.
So schade, dass ich es in der Selbstverständlichkeit und der Hektik des Alltags oft übersehen habe.
Ein Licht
Es war kein leichter Weg, die Brücken hinter mir abzubrechen und diesen Lebensabschnitt zu beenden.
Mein Wunsch, das Meer zu sehen, hat mich immer wieder durch diese schwierigen Zeit getragen.
Manchmal war dieser Wunsch wie ein Licht in mir.
Dieses Licht gab mir Hoffnung und motivierte mich weiter zu machen.
Es hatte mich bereits bis hierher in meinen Bus und auf den Weg zur Atlantikküste geführt.
Und es würde mich sicher noch bis ans Ziel führen.