Kapitel 6 – Atlantik, ich komme!
„Alles, was denkbar ist, ist auch möglich.“
(Unbekannt)
Die Tage kamen und gingen.
Das ungewohnte „Van-Life“ hielt mich auf Trab. Die meiste Zeit des Tages fuhr ich und kam doch deutlich langsamer voran als gedacht.
In ein paar Tagen würde ich meine Kinder wieder sehen.
Ich freute mich schon sehr darauf und fragte mich, wie es wohl werden würde, wenn wir zu dritt in meinem Campingbus sind. Auf jeden Fall ein kleines Abenteuer, das wir so noch nie zusammen hatten.
Step By Step
Es würde auch organisatorisch ein kleines Abenteuer werden, denn es war das Jahr 2021 und aufgrund von Corona, waren Campingplatz-Reservierungen nicht möglich gewesen.
Darüber hinaus hatte ich bislang keine Zeit gehabt, eine Reiseroute zu planen. Ich wusste also weder, wo ich mit meinen Kindern schlafen, noch was wir die 10 Tage zusammen unternehmen würden.
Die letzten Tage wusste ich nie, wo ich schlafen würde und das war für mich auch kein Problem. Es gab ja nur mich und ich konnte spontan und individuell entsprechend meiner Bedürfnisse handeln.
Doch derart desorganisiert zu sein, wenn meine Kinder bei mir sein würden, machte mir ziemlich zu schaffen. Der Urlaub sollte schließlich nicht weniger als perfekt werden. Ich wollte so sehr, dass es meinen Kindern bei mir gefällt.
Gut genug, darf auch mal gut genug sein.
Es fällt mir in der Regel leicht, mich selbst zu verurteilen, wenn ich in einer Situation nicht so gut vorbereitet bin, wie ich es gerne wäre.
Meistens vergesse ich in diesen Momenten dann die Umstände, die dazu geführt haben:
Dass es bis zu dem Zeitpunkt wichtigere Dinge gab, die es zu meistern galt oder unvorhersehbare Umstände, auf die ich eingehen musste.
Meistens sehe dann nur die Herausforderung, die vor mir liegt und wie unvorbereitet ich doch bin.
Vielleicht durfte ich aufgrund der turbulenten Situation, in der ich war, auch etwas gnädig mit mir sein. Vielleicht musste ich nicht schon jetzt die ganze Reise mit meinen Kindern geplant haben.
Das hätte es sicherlich einfacher gemacht, aber für den Moment fühlte es sich gut genug an, den nächsten Schritt zu kennen. Alles weitere würde sich dann ergeben. Step by step.
In meinem Fall war der nächste Step, dass ich mir Gedanken um den ersten Tag mit meinen Kindern machte. Dieser Tag war mir wichtig, um einen einfachen Übergang für meine Mädchen zu ermöglichen.
Ich vermutete stark, dass meinen beiden Kindern der Abschied vom Papa schwer fallen würde. Daher wollte ich an dem Tag nicht mehr viel fahren müssen, sondern sie lieber bei Bedarf in den Arm nehmen und trösten können. Außerdem wollte ich für etwas Ablenkung sorgen.
Ein schöner Strand und ein wenig im Meer planschen. Das wäre doch für den ersten Tag ein gutes Programm.
Die Insel Île de Ré erschien mir perfekt für diesen ersten Tag zu sein. Sie war ganz in der Nähe und die Strände sahen im Internet sehr schön aus. Na also, das würde schon werden!
Wer vergleicht, der verliert.
Es waren noch keine 10 Tage vergangen, seit ich aus dem „Familien-Haus“ ausgezogen bin. Meine Kinder waren hingegen bereits seit 2 Wochen mit ihrem Vater in Frankreich im Sommerurlaub.
Sie waren auf einem Campingplatz an der Atlantikküste und sie waren dort nicht alleine.
Es war vielmehr ein großes Familien-Event bei dem sowohl der Onkel, die Tante, deren 3 Kinder, die Oma, deren Lebensgefährte sowie die neue Freundin von meinem Ex-Mann mit deren Tochter dabei waren.
In meinem Kopf malte ich mir den Spaß aus, den meine Mädels sicherlich mit den ganzen anderen Kindern und Erwachsenen haben würden. Ich wünschte meinen Kindern von ganzem Herzen eine großartige Zeit!
Gleichzeitig kamen aber leider auch vergleichende Gedanken.
Was hatte ich denn nach dem ganzen Trubel schon zu bieten? Lediglich mich alleine und einen Campingbus. Ich hatte vielleicht ein Abenteuer zu bieten, aber eben keinen großen Luxus, wie meine Kinder ihn vermutlich in den letzten 2 Wochen von ihrem Vater und der ganzen Verwandtschaft gewohnt gewesen waren.
Ich spürte einen großen Druck und eine Angst in mir.
Den Druck, UNBEDINGT dafür sorgen zu müssen, dass es ein ganz toller Urlaub wird und die Angst, meine Kinder zu „verlieren“, wenn ich nicht etwas ebenso „Tolles“ offeriere wie der Papa.
„Du wirst immer die Mama bleiben“
Dieses Gefühl, meine Kinder zu „verlieren“, begleitete mich schon eine ganze Weile – genauer gesagt, seit der Trennung und als es darum ging, eine gute neue Lebenssituation für meine Kinder zu schaffen.
Es war ein diffuses Gefühl, welches ich gar nicht genau greifen konnte.
Wann immer ich jemandem von dieser unbestimmten Angst erzählte, kam da meistens der Satz: „Aber Du wirst doch immer die Mama bleiben!“
Mein Gegenüber sagte diesen Satz in der Regel voller Inbrunst und aus tiefster Überzeugung. Für mein Gegenüber schien es völlig klar zu sein, was dieser Satz bedeutete.
Für mich hingegen blieb dieser Satz ein Rätsel.
Meine Ohren hörte diesen Satz.
Mein Gehirn verstand jedes einzelne Wort.
Und doch kam die Bedeutung des Satzes nicht wirklich bei mir an.
Wie konnte ich weiterhin die Mama sein, wenn ich doch nicht mehr mit meinen Kindern zusammenleben würde und nicht mehr das tun konnte, was eine Mama nun mal so tut als Mama?
Ich würde nicht mehr für sie kochen, waschen oder ihre Termine koordinieren können. Ich würde sie nicht mehr jederzeit trösten oder sie ins Bett bringen können. Das alles war mehr oder weniger vorbei. Wie konnte ich da etwas bleiben, was nicht mehr war?
Die Bedeutung des Satzes „Du wirst immer die Mama bleiben!“ schien die Auflösung all meiner Ängste in sich zu bergen. Doch da sich mir diese Bedeutung bis zu dem Zeitpunkt bedauerlicherweise entzog, blieb ich noch eine ganze Weile alleine mit meiner nicht greifbaren Angst, ich könnte meine Kinder „verlieren“.
Bewegung im Außen & Innen
Das Schöne beim Reisen ist, dass es immer Bewegung gibt.
Im Außen veränderte sich die Landschaft und es gab jeden Tag etwas Neues zu sehen oder zu erleben. Es gab jeden Tag neue Herausforderungen zu meistern und neue Entscheidungen zu treffen.
Und je mehr Herausforderungen ich meisterte, umso sicherer fühlte ich mich und umso stolzer und glücklicher war ich.
Es war diese Bewegung im Außen, die sich auch auf meine Gefühle im Inneren übertrug.
Denn ich blieb niemals lang in einem Gefühl verhaftet. Die Gefühle der Angst wechselten sich ab mit der großen kribbeligen Vorfreude, bald meine Kinder wiedersehen zu können, mit meiner Freude über das was ich auf dem Weg sehen durfte und meinem Glücksgefühl, wenn ich wieder eine kleine Herausforderung gemeistert hatte.
Atlantik
So fuhr ich immer weiter Richtung Atlantikküste.
Langsam aber sicher näherte ich mich dem Meer und damit auch der Erfüllung meines Herzenswunsches.
Dann war es soweit: Ich hatte einen Parkplatz in St. Jean de Monts (am Atlantik) gefunden und lief zu Fuß Richtung Meer.
Es erschien mir so unwirklich, dass ich jetzt tatsächlich in der Nähe des Meeres sein sollte. Und als ich am Horizont etwas Blaues entdeckte, dachte nur: „Das kann nicht das Meer sein.“
Und doch wurde es immer deutlicher, sichtbarer und umumstößlicher: Das war das Meer!
Plötzlich war ich ganz aufgeregt: DAS WAR DAS MEER!
Ich war da!
Ich hatte es geschafft! Ich hatte es tatsächlich geschafft!!!

Diesen Augenblick zu beschreiben liegt jenseits dessen, was ich beschreiben kann.
Es war ein Moment purer Freude und puren Glücks. Und doch wird diese Beschreibung der Großartigkeit und Bedeutung, die dieser Augenblick für mich hatte, nicht ansatzweise gerecht.
Mein Herzenswunsch, das Meer sehen zu wollen, hatte mich hierher geführt und mich sämtliche Hindernisse entlang des Weges überwinden lassen.
Aus dem Leben, das ich geführt hatte, mit seiner relativen Vorhersehbarkeit, seiner vermeintlichen Sicherheit und seinen haltgebenden Strukturen, war ich ausgebrochen und hatte dadurch meine eigenen Grenzen gesprengt.
All die Anstrengungen, die Mühen, die Zweifel, die Ängste, die Auseinandersetzungen, die Tränen, den Ärger und vieles mehr, habe ich gefühlt und gelebt. Durch all das bin ich hindurch gegangen.
Und nun stand ich hier. Und fühlte mich einfach nur frei und glücklich.
Ich schaute auf den Ozean und es schien, als spiegelte er mir meine eigene Freiheit, meine eigene innere Weite und meine eigene Kraft.
„Es hat sich gelohnt!“, war der einzige Gedanke, den ich in diesem Moment greifen konnte.
Ich spürte tief in mir drin: ALLES war es wert gewesen für diesen Moment am Atlantik!
Nicht wegen des Anblicks, sondern weil ich es tatsächlich gewagt hatte, mich von Vertrautem zu lösen und meinem Herzenswunsch zu folgen.
Nicht wegen des Meeres, sondern wegen des Gefühls der Freiheit.
Es heißt: „Mut wird belohnt“. Offensichtlich.