Kapitel 2 – Der nächste Morgen
Ich stand am nächsten Morgen auf.
Nicht weil ich wollte, sondern weil ich nicht ewig auf diesem Parkplatz stehen bleiben konnte.
Ich stand auf, weil es nichts anderes gab, was ich sonst hätte tun können.
Es gab kein „zurück“ für mich.
Unser Haus war verkauft. Meine Sachen waren zum Teil bei lieben Freunden und zum Teil in einem Lagerraum untergebracht.
Es gab in dem Sinne kein Zuhause mehr, zu dem ich hätte zurückgehen können.
Es blieb nur der Weg nach vorne.
Ich hatte es so gewollt.
Überlegungen im Vorfeld
Nach der Scheidung hatte ich zwar anfangs noch nach Wohnungen und neuen Jobs in der näheren und weiteren Umgebung gesucht, doch egal was ich auch umzusetzen gedachte, bei jedem Unterfangen hat mich nur eine lähmende, lustlose Mattigkeit begleitet.
Erst als ich auf die Idee kam, eine 3-monatige Auszeit zu machen, spürte ich, dass wieder Leben in mich kam. Diese Vorstellung löste ein seltsam vertrautes Kribbeln in mir aus.
Wir hatten das Jahr 2021 und aufgrund der Corona-Zeit musste ich dafür sorgen, dass ich unabhängig von geöffneten oder geschlossenen Hostels umherreisen könnte. Daher erschien mir ein Campingbus eine gute Lösung für meine Auszeit zu sein.
Ich wollte herausfinden, wo und wie ich in Zukunft leben wollte und diese Auszeit würde mir die Antworten dafür geben.
So waren die Überlegungen im Vorfeld. So war der Plan. Doch mit dem Planen ist das so eine Sache… Besonders die 3 Monate würden so eine Sache werden. Wer hätte das ahnen können? Ich am allerwenigsten! Erschienen mir doch 3 Monate Auszeit schon äußerst vermessen und luxuriös.
Vielleicht braucht es aber manchmal einfach mehr Zeit als man sich selbst am Anfang zugestehen möchte. Vielleicht brauchen krasse Lebenseinschnitte einfach mehr Zeit, um Klarheit und Veränderung hervorbringen zu können.
In meinem Fall war das so. Ein besonderer Abschnitt meines Lebens war unwiderruflich vorbei. Das Leben, dass ich bisher geführt hatte, gab es nicht mehr und würde es so auch nicht mehr geben.
Träume von der „heilen Welt Familie“ waren zerschmettert worden, unrealistische Hoffnungsfetzen blieben hingegen.
Wenn ich nicht unglücklich am Vergangenen haften bleiben wollte, MUSSTE ich vorwärts gehen.
Und das konnte ich nur, indem ich die Brücken hinter mir ganz bewusst abbrach.
Ich entschied mich keine neue Wohnung zu mieten.
Ich kündigte meinen Teilzeit-Job.
Ich wollte frei sein für das Neue, das da kommen würde, denn ich wusste, dass mich diese Reise-Auszeit verändern würde. Und JA, ich wollte die Veränderung! Denn ich wollte und brauchte einen Neuanfang!
Der erste kleine Schritt
Und da war ich also. Am Anfang meiner Auszeit und am Odilienberg. Die erste Nacht lag hinter mir und der erste Tag auf Reisen lag vor mir.
Gerne würde ich an dieser Stelle erzählen, wie ich voller Tatendrang, Freude und Neugierde aufgestanden bin – bereit für die ganzen Heldentaten, die an diesem neuen Tag sicherlich auf mich warten würden. TADA!
Stattdessen berichte ich, DASS ich aufgestanden bin!
Und das war an diesem Morgen wahrlich heldenhaft genug für mich.
In mir war nach wie vor diese große Angst: Was, wenn ich ES nicht schaffe?
Dieses ES bezog sich nicht auf etwas Bestimmtes. Es betraf vielmehr jede kleine und große Herausforderung die potentiell vor mir liegen könnte, getoppt von dem Nicht-Wissen, was überhaupt vor mir liegen würde und garniert mit den Zweifeln und der Unsicherheit, ob ich dem gewachsen sein würde.
Ich beschloss, mir meinen Morgenkaffee zu machen und mich daran festzuhalten. Das erschien mir ein erreichbares und umsetzbares Ziel zu sein. Die Vorfreude auf etwas Vertrautes in diesem Nebel des Unvorhersehbaren brachte mich dazu, aufzustehen.
Ein paar Autos gesellten sich zu mir auf den Parkplatz. Offenbar war dies ein beliebter Parkplatz, um von hier aus eine kleine Wanderung zu unternehmen. Die Leute schauten mich an.
Es war noch etwas ungewohnt für mich, dass fremde Menschen mir beim Kaffee trinken zusahen.
Darüber hinaus war ich mir auch nicht ganz sicher, wie ich ihre Blicke zu deuten hatte: War es eher Interesse oder eher Missbilligung, dass sie mich hier stehen sahen? Durfte ich hier überhaupt stehen? Ich wusste es nicht.
Keiner sagte etwas.
Glücklicherweise wollte ich ohnehin bald aufbrechen und so konnte ich den undefinierbaren Blicken entgehen. Mein nächstes Ziel war das Kloster Hohenburg auf dem Odilienberg.
Es tut gut Ziele zu haben, auch wenn es nur ein kleines Ziel für den nächsten Baby-Step ist.