Kapitel 1 – Eine Reise beginnt

Das Universum ist ein Scherzkeks.

Ich sage das mit größter Demut und tiefstem Respekt. Und mit einem humorvollen Augenzwinkern, welches ich manchmal brauche, um das Unfassbare für mich greifbar zu machen.

Wie sonst könnte ich es verstehen, dass ich am Ende meiner Reise wie durch Zauberhand auf genau denselben Parkplatz in der Nähe des Odilienbergs (Frankreich) geführt wurde, wie 9 Monate zuvor, als ich meine Reise begann?

Es war kein „regulärer Stellplatz“, den ich am Anfang meiner Reise gewählt hatte. Ich stand einfach rein zufällig irgendwo im Nirgendwo. Ein Parkplatz den ich niemals wiederfinden würde und das war okay. Dachte ich.

Doch am Ende meiner Reise bin ich absichtlich noch einmal zum Odilienberg gefahren und hätte mich gefreut, noch einmal auf demselben Parkplatz zu stehen, an dem meine Reise begonnen hatte. Doch in der Schlafplatz-App fand ich „meinen“ Parkplatz nicht und dass ich noch gewusst hätte, wie ich zu diesem Parkplatz komme… ähm… keine Chance.

Ich kann es also nicht anders sagen, als dass das Universum mich geführt hat.

In meinem speziellen Fall bediente sich das Universum einer Umleitung, die mich von meiner geplanten Route und meinem geplanten Schlafplatz abbrachte.

Und schwupps, nicht wissend, wo ich genau bin, landete ich plötzlich auf genau demselben Parkplatz, auf dem ich 9 Monate zuvor gestartet bin – irgendwo im Nirgendwo in der Nähe vom Odilienberg.
Ich habe mich so gefreut!

Ich erkannte das kleine Häuschen in der Nähe, das Bächlein, dass direkt neben dem Parkplatz plätscherte und ansonsten waren um mich herum nur Bäume und Natur pur.

Es hatte sich nicht viel verändert und doch war es anders.

Ich war anders.
Das Leben und Reisen in meinem Campingbus hatte mich verändert.

Normalerweise fallen mir derartige Veränderungen nicht auf.
Sie sind so schleichend und finden oft nur in diesen klitzekleinen Babysteps statt. So klitzeklein, dass sie kaum meine Beachtung finden und noch weniger der Rede wert erscheinen.

Universum sei Dank konnte ich an diesem Tag und auf diesem Parkplatz jedoch einen Blick zurück in die Vergangenheit werfen. Es war beeindruckend für mich zu sehen, welchen Weg ich seit Beginn meiner Reise tatsächlich gegangen war.

Neun Monate zuvor…

war ich erst seit wenigen Wochen die stolze Besitzerin eines Vans.

Ein schwarzer Fiat Ducato Kastenwagen: 6,40 m lang, 2,90 m hoch und mega-schick (!!!) – Innen wie Außen.

In seinem Interieur gab und gibt es alles, was man zum Leben braucht: Ein breites Doppelbett im hinteren Bereich sowie ein Badezimmer mit Waschbecken, Klo und Dusche im mittleren Bereich.

Ebenfalls im mittleren Bereich befindet sich eine Küchenzeile mit 3 Gasplatten, Spülbecken, einem geräumigen Kühlschrank sowie einen Esstisch mit Sitzbank.

Vorne ist das Führerhäuschen mit drehbaren Fahrer- und Beifahrersitz, die man zu bequemen zusätzlichen Sitzgelegenheiten am Esstisch nutzen kann. Man kann sie aber auch zueinander drehen und sie so zu einer bequemen „Coach“ umfunktionieren.

Es gab auch noch ein Hub-Bett im oberen Bereich des Führerhauses, welches bei Bedarf nach unten gezogen werden konnte und somit 2 weitere Schlafplätze bot.

Darf ich vorstellen: Mr. Shape

Als ich diesen Campingbus zum ersten Mal gesehen habe, war mir sehr schnell klar, dass das „meiner“ ist. Er schien wie für mich und meine Bedürfnisse gemacht.

Aufgrund seines Nummernschildes, habe ich ihm den Namen „Mr. Shape“ gegeben.
Ich konnte damals nicht ahnen, wie sehr er seinem Namen alle Ehre machen würde. Denn er hat mich wahrhaftig „geshaped“, indem er mich immer wieder vor Herausforderungen gestellt hat, durch die ich wachsen und mich verändern durfte.
Und auch wenn ich ihm diesen überaus passenden Namen gegeben habe, spreche ich doch meistens von „meinem Bus“, wenn ich von ihm rede.

Alles ist fremd

Als ich das erste Mal in der Nähe des Odilienbergs übernachtete, wohnte ich erst wenige Tage in meinem Campingbus und alles war noch neu für mich.

Die Größe von meinem Fahrzeug war ungewohnt für mich, ebenso sein Fahr-, Kurven- und Wendeverhalten.

Die ganzen Kontrollleuchten für Wasser, Abwasser und Batterie sowie die ganzen Regulierungsmöglichkeiten für Heizung und/oder Warmwasser waren leicht überfordernd.

Die Schlafplatzsuche war noch herausfordernder, da ich noch keine App installiert hatte, in der geeignete Schlafplätze zu finden sind.

Die nächtlichen Geräusche der Umgebung wirkten aufgrund der dünnen Wände noch befremdlich laut und direkt.

Auch die Enge und Begrenztheit meines Innenraumes war ungewohnt für mich. Schließlich kam ich gerade aus einem Haus mit 130 qm Wohnfläche. Nun war es deutlich beengter und ich stieß mir unzählige Mal irgendwo den Kopf an.

Aber hier stand ich: Am Anfang meiner Reise, auf diesem zufällig gefundenen Parkplatz in Frankreich und war froh, die erste Etappe mit diesem gefühlt riesengroßen Gefährt gemeistert und einen geeigneten Schlafplatz gefunden zu haben.
Es war die erste Übernachtung in meinem Bus außerhalb meiner vertrauten Umgebung.

So aufregend und neu das alles war und so sehr ich das alles ja auch gewollt hatte… an diesem Abend und auf diesem Parkplatz irgendwo im Nirgendwo, fühlte ich mich seltsam fremd, alleine und verloren.

Ich weiß noch genau, wie ich mich in diesem ganzen Neuen und Ungewohnten verzweifelt nach etwas Vertrautem gesehnt habe. IRGENDETWAS!

Die Vorstellung am nächsten Morgen aufstehen zu müssen und einen Schritt weiter in dieses ungewisse Niemandsland gehen zu müssen, den ganzen neuen Herausforderungen begegnen zu müssen, machte mir ein mulmiges Gefühl.

An diesem ersten Abend meiner Reise weinte ich.


Ich weinte, weil ich mich so alleine und verlassen fühlte.
Ich weinte, weil ich überwältigt war von all dem Neuen, von dem ich noch nicht wusste, wie ich es bewältigen sollte.
Ich weinte, weil ich Angst hatte.

Angst und Mut

Viele Menschen haben mir vor meiner Reise gesagt, wie mutig ich doch sei.

Ich habe diese Worte gehört und doch schienen sie nichts mit mir zu tun zu haben. Denn ich fühlte mich nicht mutig.

Im Gegenteil: Je nach Tagesform war da entweder ein Gefühl von großer Angst in mir oder das Gefühl, dass dieses ganze Unterfangen total bescheuert war.

Was sahen die Anderen denn nur in mir, was ich selbst nicht sehen, geschweige denn spüren konnte? Warum spürte ich den Mut nicht, sondern nur die Angst?

Vielleicht, weil Mut kein Gefühl ist, sondern eine Entscheidung.

Es brauchte für mich den zeitlichen Abstand und den direkten Vergleich am selben Ort zu sein und dasselbe zu tun, um mich meinen Mut sehen zu lassen.

An diesem Ort konnte ich mich rückblickend so gut daran erinnern, wieviel Angst ich hier vor 9 Monaten gehabt hatte.

An diesem Ort erkannte ich rückblickend, wieviel Überwindung, Kraft und Willen es damals gebraucht hatte, um diese Angst auszuhalten und mich weiter dieser neuen, ungewohnten Gesamtsituation zu stellen.

An diesem Ort sah ich rückblickend meine Verletzlichkeit, die mit der Unwissenheit, der Unerfahrenheit und Unsicherheit des Anfangs einher gegangen war.

Das alles im Nachhinein noch einmal zu erinnern, hat mich sehr berührt.

Berührt auch deshalb, weil ich ja wusste, dass ich da TROTZDEM durch gehen würde.

Weil ich TROTZDEM weitermachen würde.

Und weil ich TROTZDEM am nächsten Morgen aufstehen würde.

Ich war so stolz und so berührt von mir selbst und der Frau, die ich geworden war.

Endlich konnte auch ich meinen Mut sehen.

Ich verdankte es der göttlichen Führung und einer Umleitung, dass ich mich am Ende meiner Reise wie eine Heldin fühlen durfte.

Es gab keinen Applaus im Außen. Es gab das Spüren und Erkennen meiner wahren Größe im Inneren.

Ein kostbarer Moment des stillen Erkennens – nur für mich.

Was für ein Geschenk!

2 Comments

  • Martina

    Was für ein berührender, kraftvoller Text. Er liest sich wie ein stilles, leuchtendes Zeugnis dafür, wie sehr innere Entwicklung Zeit, Raum und Mut braucht. Besonders schön ist, wie du das scheinbar Zufällige mit Sinn auflädst, ohne es zu erklären oder rechtfertigen zu müssen. Dieses Wiederankommen am selben Ort wird zu einem Spiegel, in dem man nicht nur die Landschaft, sondern vor allem sich selbst erkennt.

    Deine Sprache ist ruhig, ehrlich und sehr klar. Die Beschreibung der anfänglichen Überforderung, der Einsamkeit und der Angst wirkt nie dramatisierend, sondern zutiefst menschlich. Gerade dadurch entfaltet sie ihre Wirkung. Der Gedanke, dass Mut keine Emotion, sondern eine Entscheidung ist, fügt sich organisch ein und bleibt lange nach dem Lesen hängen.

    Besonders stark ist der Moment, in dem du dir selbst begegnest – ohne Publikum, ohne äußere Bestätigung. Diese leise Form von Heldinnentum, dieses innere Aufrichten, ist unglaublich kraftvoll und authentisch. Man spürt beim Lesen, dass hier nichts beschönigt wurde und genau das macht den Text so wertvoll.

    Ein wunderschöner Auftakt. Tief, ehrlich, inspirierend und getragen von einer großen Sanftheit dir selbst gegenüber. Ein echtes Geschenk – auch für die, die mitlesen dürfen.

    • Karin

      Wow! Dein Kommentar berührt mich sehr! Und es freut und motiviert mich, dass meine Worte so ankommen wie sie gemeint gewesen sind! Ich danke Dir, liebe Martina! 🙏

Leave a Reply

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert